„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Annette Cersovsky, 02.12.20

Vor unserem Haus stehen Altpapier-, Altglas- und Altkleidercontainer. Wie der Name schon sagt sind die bestimmt für Altglas, Altpapier und ausrangierte Kleidung. Nur das kann bei der Abholung vernünftig entsorgt werden.

Jede Woche können wir allerdings bewundern, was neben, vor und auf den Containern abgeladen wird: Hausmüll, Elektrogeräte, Spielzeug, Kleinmöbel, sogar einmal ein Kochtopf inklusive Essen.

Eine Freundin sagte ihren Kindern immer, wenn sie irgendwo Müll fallen ließen: Was glaubt ihr eigentlich, wer den Müll wegräumt? Die Frage reichte aus. Es war sofort klar, dass diejenigen den Müll wegräumen, die ihn weder produziert, noch fallen gelassen hatten und die nicht für das Wegräumen zuständig waren.

Was mich so ärgert, ist das Menschenbild, das ich hinter der Müllabladeaktion sehe: Ist mir doch egal, wer das wegmacht. Irgendein Dummer wird sich schon finden. 

Die netten Menschen, die jede Woche hier die Container leeren, nehmen die Sachen mit. Sie sind weder dumm noch zuständig. Sie kümmern sich. Wäre doch nett, wenn wir an sie dächten, bevor wir gedankenlos den nächsten Kochtopf elegant auf dem Container platzieren. 

Die Kinder der zitierten Freundin haben das Thema übrigens blitzschnell gelernt. Ist auch nicht so schwer 😉

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 01.12.20

Mögt Ihr Adventskalender? Falls ja, habe ich hier zwei Ideen für Euch😊

Wer digital unterwegs ist, kann auf den FB Seiten der Kirchenmusiker Johannes Gessner und Christoph Spengler zwei musikalische Adventskalender finden und jeden Tag ein Türchen mit Musik öffnen.

Wer lieber zu Fuß unterwegs ist, kann ab heute in unseren beiden Gemeindeschaukästen (Honsberger Str. und Eingang Kirchpark Hasten) 24 Tage lang jeweils ein neues Poster anschauen, die 24 liebe Menschen aus unseren beiden Pfarrbezirken gestaltet haben. Euch allen von Herzen Danke dafür!!!!

Die Poster geben 24 Einblicke, was Menschen im Advent bewegt. Vielleicht ist ja auch eine Anregung für Sie und Euch dabei.

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 30.11.20

„Augen zu und tanzen“ – unter diesem Motto veröffentlichten Kollegen aus der Nordkirche ihren Impuls zum ersten Advent. „Augen zu und tanzen“ – das kenne ich gut. Tanzen gehört zu meinen Lieblingshobbys und ist in der Form, in der ich tanze, schon seit März nicht mehr möglich. Aber es war immer genauso: Augen zu und tanzen und dann rückt alles andere langsam wieder an den richtigen Platz. Die Sicht wird wieder klar und der Kopf frei für Ideen.

Aber Tanzen und Advent? Bekam ich nicht wirklich zusammen, bis ich von vielen Leuten hörte und las, die ausgerechnet gestern besonders deprimiert waren. In anderen Jahren läutete der erste Advent die Zeit der Lichter ein, der Geselligkeit, der Familien- und Freundestreffen. Und weil diesmal alles anders ist, will auch die Freude nicht so recht einziehen.

Wie wäre es mal mit „Augen zu und tanzen“? Die „Jerusalema Dance Challenge“ ist gerade überall zu sehen und leicht nachzutanzen. Aber auch eine schöne Salsa-Choreo kann man bei Youtube ansehen und üben. Oder sonst etwas zu der Musik, die ihr mögt? Vielleicht rücken dann auch die Dinge wieder an ihren Ort und es wird Platz für Freude.

Ungewöhnliches Adventsritual, aber es ist ja auch ein ungewöhnlicher Advent und einen Versuch ist es doch wert, oder? 😉

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 29.11.20

Um den 1. Advent herum finden in unserer Gemeinde seit Anbeginn der Zeit die großen Seniorenadventfeiern statt. Viele hundert Menschen kommen zusammen, singen, hören, schauen. Die Kindergartenkinder sind da, es gibt Adventsrätsel und leckeren Kuchen, nachdenkliche und lustige Geschichten von der Wörtersammlern, Gebasteltes und vieles mehr.

In diesem Jahr haben wir diese Feiern ganz klein gemacht, bis sie in eine Papiertüte passten. In den letzten Tagen haben wir 650 Tüten heimlich in Briefkästen versteckt und sind sehr dankbar und reich beschenkt wieder nach Hause gekommen. Es macht so viel Freude, etwas für andere zu tun! Das haben alle Helferinnen und Helfer gesagt. Bei denen möchte ich mich heute besonders bedanken!!!!! Alle haben hoch motiviert und tatkräftig zugepackt, waren dabei bester Laune und hatten für jeden und jede ein gutes Wort. #allerbeste Gemeinde

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 28.11.20

Normalerweise würden wir heute mit ganz verschiedenen Aktionen zum Advent starten. Normal ist dieses Jahr aber ja nichts, deshalb haben wir ein bisschen „off topic“ geplant 😉

Wenn Ihr mögt, dann gibt es ab heute jeden Samstag einen kleinen Adventsimpuls zum Schauen, Lesen oder Hören und jeden Mittwoch bis Weihnachten gibt es eine kleine Adventsandacht, die wir aus unserer Pauluskirche streamen. Beides findet Ihr in unserer digitalen Kirche auf www.evangelischaufdemhasten.de

Wir, Team Hasten und Team Honsberg-Kremenholl, wünschen Euch einen guten Start in den Advent. Bleibt alle behütet!

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 27.11.20

Falls Ihr denkt, es gäbe nur die Corona-Leugner, kann ich Euch heute berichten, dass es auch die Leugner kirchlicher Weiterentwicklung gibt😉

„Mit Kirche will ich nichts zu tun haben, die wollen nur Andersgläubige umdrehen. Mission heißt das bei denen!“ Zufällig mitbekommen in der Warteschlange im Supermarkt.

Mission hat viel Schlimmes bewirkt, darauf zielte diese Bemerkung wahrscheinlich ab. Daran gibt es nichts zu rütteln. Aber glücklicherweise muss auch Kirche nicht so bleiben, wie sie mal war.

Heute ist Mission keine Einbahnstraße, sondern ein Austausch auf Augenhöhe. Wir können das in unserem Kirchenkreis sehr eindrucksvoll erleben. Unser Kirchenkreis hat eine sogenannte trilaterale Partnerschaft mit Gemeinden in Ruanda und auf Java in Indonesien. Wir sind drei völlig unterschiedliche Organisationsformen mit unterschiedlichen religiösen Ausprägungen und unterschiedlichen Themenschwerpunkten. Aber wir alle sind Gemeinde und lernen gerade voneinander, wie Gemeinde in der Krise geht. Dank Zoomkonferenz können wir uns hören und sehen und über alle Grenzen hinweg verbunden bleiben. Dafür bin ich sehr dankbar!

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 26.11.20

Liebe Landeschefs und alle, die heute Allgemeinverfügungen basteln müssen,

wisst Ihr, was uns Bürger*innen wirklich helfen würde? Wenn es Regelungen gäbe, die nicht nur in sich schlüssig wären, sondern auch zu den übrigen Regeln passen würden und wenn diejenigen, die die Regeln umsetzen müssen, es auch tun würden. Wir Bürger*innen wollen nämlich sehr gerne helfen, dass die Inzidenzen sinken, aber wir scheitern manchmal an den Umsetzungen.

Kleines Beispiel, das Freunde gestern so erlebt haben (nicht in Remscheid 😉):

Einer wacht morgens mit Erkältungssymptomen auf. Da wir immer gesagt bekommen, die corona-typischen Symptome träten keineswegs typischerweise auf, ist man verunsichert, ob die Symptome jetzt auf Covid 19 oder auf einen gewöhnlichen grippalen Infekt hindeuten. Also ruft man den Hausarzt an. Der sagt, es wären ja nicht alle typischen Symptome vorhanden, also wäre es auch nicht Covid 19. Aber vorsichtshalber solle man nicht zur Arbeit gehen. Der Arbeitgeber hätte aber gerne eine Krankmeldung, um zu dokumentieren, dass ein Mitarbeitender Symptome hat. Also wieder Hausarzt anrufen und um telefonische Krankmeldung bitten. Die, so der Hausarzt, gäbe es gar nicht, da müsse man schon kommen (und seeeehr viel Zeit mitbringen). Also mit Symptomen zum Arzt, um dann zu hören, es seien ja nicht alle typischen Symptome einer Covid 19 Erkrankung vorhanden, also könne man auch nicht testen und wahrscheinlich wäre ja sowieso alles gut. Tests würde die Praxis im Übrigen auch gar nicht machen, weil das Ergebnis eine Woche auf sich warten ließe und dann wäre ja meistens alles wieder gut. Unsere Freunde haben sich dann freiwillig in Quarantäne begeben.

Wisst Ihr, was ich meine? 😊

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Annette Cersovsky, 25.11.20

Kennt Ihr auch diese seltsame Redewendung „zwischen den Jahren“? Manchmal sagen das die Leute in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr. Nun gibt es aber gar kein „zwischen den Jahren“. Am 31.12. um 23:59 Uhr ist noch das alte Jahr und um 0:00 Uhr beginnt das neue Jahr. Dazwischen ist also nur ein Wimpernschlag. Aber wir fühlen dieses „dazwischen“. 

Heute habe ich dieses Gefühl auch. Das alte Kirchenjahr endet mit dem Ewigkeitssonntag und das neue Kirchenjahr beginnt mit dem 1. Advent. Und die Zeit dazwischen? Die ist geprägt vom „noch nicht“ und „schon jetzt“. Beim Abendspaziergang gestern ist es mir aufgefallen. Wir hängen noch gedanklich bei den Menschen, von denen wir uns in diesem Jahr und davor verabschieden mussten. Waren vielleicht auf dem Friedhof oder haben Fotoalben angeschaut oder Erinnerungskisten. Aber in vielen Fenstern leuchten schon die Weihnachtssterne und die Gärten sind festlich geschmückt. Eine Zeit des Übergangs ist das gerade. Morgen kaufe ich einen Adventskranz, der dann am Samstag bei uns bestückt wird. Ein kleines Ritual auf dem Weg von gestern nach morgen😊

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 24.11.20

Letztes Wochenende hat der Rapper Kontra K eine 1Live Krone in der Kategorie „Bester Hip Hop Act“ gewonnen. Im Anschluss wurde er interviewt: wie er zur Musik gekommen sei, was ihn im Leben verändert habe und natürlich auch, was Corona mit ihm gemacht hat. Er sei noch zu einem guten Menschen geworden, sagte er. Wie er das meine, wurde er zurückgefragt. Heute setze er sich für Zusammenhalt ein, er versuche Menschen zu motivieren, ihr Leben in die Hand zu nehmen und Selbstvertrauen zu entwickeln. Und auf die Corona-Frage antwortete er: „Ich bete zu Gott, dass die Krise vorbei geht.“ Nur eine Redewendung? Oder schon ein Gebet? 

Nach dem Interview dachte ich, dass es bei Kontra K beides war. Und dass es vielleicht meistens beides ist, wenn Menschen so etwas sagen. Das ist nochmal anders, als das inflationär gebrauchte OMG. Menschen benutzen solche Redewendungen, wenn es um Dinge geht, die sie nicht in der Hand haben, die irgendwie größer sind. Dieses Wissen darum, dass wir in einem großen Zusammenhang stehen, der über unsere Welt hinaus geht, ist ein kleiner gemeinsamer Nenner, der auch Rapper und Frauenhilfsdamen zusammenbringt. Wie schön, dass es das gibt😊Und an Kontra K herzliche Glückwünsche zur Krone!

 Foto: Stefan Brending / Lizenz: Creative Commons CC-BY-SA-3.0 de

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 23.11.20

Erst Anne Frank, jetzt Sophie Scholl. Ich verstehe es einfach nicht! Was geht in Menschen vor, die ihre augenblickliche Situation ausgerechnet mit diesen beiden vergleichen?

Sie sagen, sie befänden sich im Widerstand, würden kämpfen für den richtigen Weg und mit Flugblättern aufmerksam machen, was falsch läuft. Mag alles sein, aber der Feind ist ein anderer und da wird es ziemlich schräg.

Unser Feind ist zuallererst ein Virus, wissenschaftlich nachweisbar und leider so neu, dass es noch keine Erfahrungen damit gab, als es festgestellt wurde. Dieser Feind macht keine Unterschiede. Menschen aller Nationen, aller Religionen, aller politischen Ausrichtungen können betroffen sein. Deshalb heißt es „Pan“-demie. Aber das Virus ist keine menschenverachtende Institution, kein Machtapparat, der Menschen wegen ihrer Volkszugehörigkeit verfolgt und ermordet. Also bleibt doch bitte auf dem Teppich! Ihr dürft gegen die Maßnahmen protestieren, ihr dürft eure Meinung sagen, sogar solche Vergleiche mit Anne Frank und Sophie Scholl. Aber ihr müsst auch damit leben, dass die Mehrheit der Bevölkerung die Maßnahmen unterstützt, den gemeinsamen Feind unter Kontrolle bringen will, damit alle wieder ohne Einschränkungen leben können.

Ich frage mich, was uns Anne Frank und Sophie Scholl wohl heute sagen würden? Vielleicht dieses: sorgt dafür, dass die Weltbevölkerung lernt gut miteinander zu leben. Und fangt damit bei euch an, in eurer Stadt, in eurem Stadtviertel. Schaut nach denen, die abgehängt sind und nehmt sie mit. Hört auf, die Gesellschaft spalten zu wollen. Diskutiert, verbessert das System, widersprecht und macht bessere Vorschläge. Und sorgt dafür, dass nie wieder ein Mensch das erleben muss, was wir erlebt haben.

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 22.11.20

Reden wir zu früh, zu viel, zu vollmundig von der Hoffnung? Das frage ich mich jedes Mal, wenn ich nach einer Beerdigung an einem Grab stehe. Alle Worte sind gesprochen, die Angehörigen treten nacheinander ans Grab, manchmal weinend, manchmal mit versteinerter Miene, manchmal fassungslos. Habe ich die richtigen Worte gefunden? Trösten kann ich ja nicht, denn von jetzt an wird dieser eine besondere Mensch immer fehlen. Aber habe ich wenigstens eine Perspektive in der Trauer öffnen können? Für das, was kommt? Oder wird einer denken, dass das alles leere Worte waren, gesprochen aus Hilflosigkeit angesichts des Todes?

Im Augenblick der Beerdigung gibt es wenig Tröstliches. Es tut weh, einen Menschen zu verlieren. Und es ist richtig, wenn am Grab geweint wird. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein ehrlicher Ausdruck dessen, was man im Moment des Abschieds fühlt. Der Tod beendet nicht nur das Leben der Verstorbenen, sondern sehr oft auch die Hoffnungen und Träume der Angehörigen und Freunde. Daran werden sich viele Menschen am kommenden Sonntag erinnern. Totensonntag! 

Zu hoffen, ohne zu wissen – das scheint zu wenig zu sein. Die Psalmbeter Israels kannten auch den Tod und wussten, wie weh der Abschied tut. Aber sie hatten Bilder im Kopf, die ihnen den Blick über die Trauer hinaus öffneten, auch ohne zu wissen. So wie dieses Bild aus Psalm 56: „Du sammelst meine Tränen in deinen Krug!“ Keine Träne, bei einem Abschied geweint, ist vergebens und keine Lebensgeschichte geht verloren. Wie kostbares Öl werden bei Gott Erinnerungen in einem Gefäß gesammelt und aufbewahrt und geschätzt. Denn eines Tages wird aus den Erinnerungen und den Tränen und der Trauer wieder Leben werden. Wir wissen es zwar nicht, aber manchmal können wir es fühlen. Ewigkeitssonntag!

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 21.11.20

Seit die Ministerpräsidentenkonferenz getagt hat, wird geschimpft. Den einen gehen die Forderungen viel zu weit, den anderen nicht weit genug. Die nächsten sehen überhaupt keine Notwendigkeit für irgendetwas, und wieder andere beschwören das Ende der Welt. Und alle sehen sorgenvoll und Böses ahnend auf die nächste Konferenz. 

Klar, es wäre sehr traurig, wenn wir Weihnachten nicht feiern könnten, wie wir es gerne haben. Es ist schade, dass wir keinen Bummel über den Weihnachtsmarkt machen können oder mit Freunden wichteln. Aber deswegen auf alle Regeln verzichten?

Wie wäre es mit der ABC-Entscheidungstaktik?

A: Wir wollen alle nicht, dass die Infektionszahlen steigen. Abstand und Maske hilft dabei.

B: Die Infektionszahlen steigen, wenn wir Kontakte nicht reduzieren und die Maske fröhlich unter dem Kinn tragen.

C: Gibt es im Moment leider nicht. 

Entweder entscheiden wir uns alle für A oder die, die für B sind, haben eine bessere Idee, wie man die Infektionszahlen anders senken könnte. Falls das der Fall ist, bitte unbedingt nach Berlin melden😉

 

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Annette Cersovsky, 20.11.20

„Schmeckt und seht, wie freundlich der Herr ist!“ Dieser Vers aus dem 34. Psalm war gestern Tageslosung. Vielen Gottesdienstbesuchern wird er aus der Liturgie der Abendmahlsfeier bekannt sein. 

Kann man Freundlichkeit schmecken? Oder sehen? 

Die Theologin Christina Brudereck hatte eine sehr schöne Idee, wie man Freundlichkeit schmackhaft und sichtbar machen könnte. Ihr Text heißt „Ein Zutaten-Gebet“. Ihre Zutaten für Freundlichkeit sind beispielsweise Chili für den Mut, Couscous für die Entdeckerlust, Ingwer für frische Energie, Zimt für adventliche Vorfreude und vieles mehr. Freundlichkeit kann ja viele Gesichter haben, deshalb braucht es auch viele verschiedene Zutaten.

Ich wünsche mir noch Lavendeltee für mehr Geduld, Thymian für Gelassenheit und Zwiebelsäckchen für offene Ohren. Und die tägliche Erinnerung, dass Gott mir auch freundlich begegnet😊Auf dass aus vielen Zutaten freundliche Taten werden!

 

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 19.11.20

Nach dem ganzen Durcheinander wegen des Infektionsschutzgesetzes habe ich mal die Juristin in der Familie gefragt, was eigentlich genau im Gesetz steht und was jetzt verändert wird und warum.

Große Überraschung: das meiste stand schon immer im Gesetz, hat nur niemanden interessiert. Die Änderungen ergeben sich aus der sich ständig verändernden Lage. Man kann die Änderungen gut oder schlecht finden, notwendig oder überzogen. Auf dem Weg zur Diktatur sind wir jedenfalls nicht. Und alle Vergleiche mit dem Nationalsozialismus verbieten sich eigentlich von selbst.

Dieses Phänomen begegnet mir in anderer Weise in Form von Aussagen, was alles in der Bibel stünde und weswegen man nie und nimmer daran glauben könne.

Wenn man wirklich interessiert wäre, würde man nachfragen und hoffentlich Antworten bekommen. Vielleicht gefallen die nicht oder sie werfen neue Fragen auf. Aber dann ist man im Gespräch und kann den eigenen Horizont erweitern. Herumschreien und den Reichstag stürmen verhilft jedenfalls nicht zu Antworten!

 

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 18.11.20

Ich kann mich noch daran erinnern, dass der Buß- und Bettag mal ein Feiertag war. Als Schülerin fand ich diesen Tag super. Er fiel immer auf einen Mittwoch und unterbrach damit die Schulwoche. Und ab Donnerstag war dann schon das Wochenende ganz nah. Anfangen konnte ich allerdings wenig mit diesem Tag. Beten kannte ich, büßen sagte mir nichts, klang aber gar nicht gut. Irgendwie nach Bestrafen und sich schlecht fühlen müssen.

Heute ist dieser Tag ein normaler Werktag. Aber ich habe ihn als Erwachsene sehr viel mehr schätzen gelernt. Kein Tag, an dem mir etwas vorgeworfen oder vorgehalten wird. Kein Tag, an dem ich mich schlecht fühlen muss. Einfach nur ein Tag im Jahr, an dem ich erinnert werde, dass es manchmal gut wäre, innezuhalten, zu reflektieren, was man gerade tut, sich vielleicht neu auszurichten. Für mich ist heute die Botschaft des Buß- und Bettages: Du musst nicht so bleiben, wie du bist, wenn du dich verändern willst. Du kannst deinem Leben jederzeit eine Kurskorrektur verpassen und musst nicht Wege weitergehen, die niemandem guttun. Genau genommen gilt das für jeden Tag, glaube ich, aber es ist gut, jedes Jahr wieder daran erinnert zu werden 😉

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 17.11.20

Heute, am 17. November, wäre ich, wie jedes Jahr, zum Geburtstag eingeladen gewesen. Am Vormittag ihres Geburtstages lud eine unserer sehr aktiven Ehrenamtlichen gerne alle ein, mit denen sie im Gemeindealltag zu tun hatte. Das war immer eine große und lustige Runde. Man kannte sich und tauschte sich aus. Über die Gemeinde, über Menschen und ihre Geschichten, aber auch über das eigene Alter und die zunehmende Gebrechlichkeit, die vieles unmöglich machte, was früher so selbstverständlich war. Das Geburtstagskind hat bei diesen Gesprächen immer nach vorne geschaut, andere motiviert und von seinem Glauben erzählt. 

Ich dachte dann immer an diese Verse aus dem Römerbrief: „15 Freut euch mit den Fröhlichen. Weint mit den Weinenden.16 Seid alle miteinander auf Einigkeit aus. Werdet nicht überheblich, sondern lasst euch auf die Unbedeutenden ein. Baut nicht auf eure eigene Klugheit.17 Vergeltet Böses nicht mit Bösem. Habt den anderen Menschen gegenüber stets nur Gutes im Sinn.18 Lebt mit allen Menschen in Frieden –soweit das möglich ist und es an euch liegt.“ Das hat unser Geburtstagskind gelebt! In diesem Jahr mussten wir Abschied nehmen. Aber vergessen werden wir nicht!

„Was Pfarrer gerade so machen“
 
von Pfarrerin Annette Cersovsky, 16.11.20
Gestern startete die ARD mit ihrer neuen Themenwoche „Wie wollen wir leben?“.
Sofort kam Protest: viel zu weit gefasst, zu unkonkret, zu wenig klar.
Mir allerdings gefällt das Thema gut, denn es ist eine Frage an uns alle, als Bürger*innen unserer Wohnorte, als Mitglieder unserer Religionsgemeinschaften, als Menschen aller sozialen Gesellschaftsschichten, Interessengruppen, Vereine, In- und Ausländer*innen, Menschen mit und ohne Arbeit, Kranke und Gesunde, Arme und Reiche u.s.w.
Wie wir zukünftig leben wollen, diese Frage müsste uns alle umtreiben und wenn wir versuchten sie zu beantworten, würden wir sehr schnell bei sehr konkreten Themen landen. 
Wer in einer Welt mit gut funktionierendem Gesundheitssystem leben möchte, muss die dort Arbeitenden vernünftig bezahlen. Wer seine Kinder in sauberer Umwelt aufwachsen lassen will, dem kann der Klimawandel nicht egal sein. Wer die Verlierer der Globalisierung nicht aus den Augen verlieren will, müsste sich mit dem Lieferkettengesetz beschäftigen.

Wenn die Pandemie uns eines gezeigt hat, dann doch dieses: niemand von uns ist allein auf diesem Planeten und wie wir handeln, hat Auswirkungen an anderen Orten, auch wenn wir sie nicht kennen.

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 15.11.20

Dort, wo ich aufgewachsen bin, gab es gleich hinter dem Gartenzaun einen großen Wald - unser liebster Spielplatz. Aber am allerliebsten waren wir am Rand des Waldes auf einem ummauerten, gepflasterten Rondell. Ringsum zugewachsen wie Dornröschens Schloss, in der Mitte ein steinerner Tisch, auf dem man wunderbar „Supermarkt“ spielen konnte. Weil dieses Rondell im Gegensatz zum Wald völlig eben war, übten wir dort auch das Laufen auf Stelzen. Allerdings sollten wir dort gar nicht spielen, hatten unsere Eltern gemahnt. Aber wir taten es natürlich trotzdem, nur heimlich. Einmal war ich dabei von den Stelzen gefallen und hatte mir ziemlich übel das Knie aufgeschlagen. Es klappte also mit dem Verheimlichen nicht wirklich gut an diesem Tag. Wie zu erwarten war, bekam ich reichlich Ärger. Warum wir dort nicht spielen dürften, fragte ich. Meine Mutter antwortete, weil das Rondell ein Ort sei, an dem man sich erinnern solle: an all die Menschen, die während der Weltkriege gestorben waren. Und damit man erinnert würde, dass es nie wieder Krieg geben dürfe. Meine Mutter hatte den Krieg als Kind erlebt und wusste, wovon sie sprach. 

An einem Tag im November erklang Musik von unserem Rondell. Wir gingen nachschauen und sahen den Posaunenchor dort stehen und spielen. Und sehr viele Blumen auf „unserem“ Tisch. Volkstrauertag, sagte meine Mutter. Da macht man das so.

Das konnte ich verstehen. Ein Volk trauert an diesem Tag. Und wie bei einer Beerdigung sind Menschen gekommen, um sich zu erinnern.

Heute ist Volkstrauertag. Und es gibt so viel zu betrauern. Die Opfer aller Kriege weltweit. Die Opfer von Gewalt und Unterdrückung. Die Opfer von Hass und Neid und Gier. 

Auch heute gilt: nie mehr! Für Krieg und Gewalt gibt es keine Entschuldigung!

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 14.11.20

Heute gab es einen sehr anregenden Vortrag auf unserer Kreissynode. Per Zoom zugeschaltet war Frau Prof. Pohl-Patalong, die Thesen zur Zukunftsfähigkeit der Kirche aufstellte.

Wie immer bei der Frage nach dem richtigen Weg für die Zukunft, wurde auch heute engagiert diskutiert. Zum Beispiel darüber, ob Kirche nicht zu sehr von ihren Strukturen her bestimmt wird oder ob Verkündigung vielleicht zu einseitig geschieht. Eine zukunftsfähige Kirche, so Frau Pohl-Patalong, sollte von ihrem Auftrag her denken und daraus Strukturen entwickeln. Die Verkündigung sollte so vielfältig wie möglich geschehen. Menschen sollen sich beteiligen können in dem, was sie interessiert, nicht nur da, wo sie gerade gebraucht werden. Kirche soll sich stärker, auch uneigennützig, im Gemeinwesen engagieren und sich arbeitsteiliger orientieren. 

Das ist nur ein kleiner Auszug der heutigen Themen. Gerne würde ich darüber weiterdiskutieren. Vielleicht in einem Barcamp? Was meint Ihr?

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 13.11.20

Gestern Webinar von Churchdesk besucht: #Weihnachten2020 !

Manche Ideen haben wir tatsächlich auch schon gehabt und sind dabei, sie umzusetzen. Andere könnten noch dazu kommen. Was haltet Ihr von kleinen Weihnachtsandachten zum Mitnehmen an einer Wäscheleine im Kirchpark? Könnte man mitnehmen, wenn man sowieso gerade einen Weihnachtsspaziergang macht.

Auch nett finde ich den musikalischen Adventskalender auf der Gemeindehomepage, wo Kirchenmusiker*innen oder andere Kulturschaffende ihre Lieblingsweihnachtslieder einstellen.

Oder beleuchtete Kollektenbeutel, die man auch nachts im Kirchpark gut sehen könnte und womit wir für „Brot für die Welt“ sammeln könnten. Die 62. Weihnachtsaktion geht diesmal an Projekte, die sich für Alternativen zur Kinderarbeit einsetzen, um möglichst vielen Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen. Wie schön, dass es überall in den Gemeinden in Deutschland gerade Ideen gibt, was wir tun könnten, um Weihnachten zu erleben, auch wenn es in diesem Jahr wohl ganz anders werden wird.

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 12.11.2020

Habe eine schöne Idee für trübe Tage entdeckt. Kennt Ihr die auch? Diese Tage, die nicht nur wettermäßig trüb sind, sondern auch ansonsten wenig Überraschendes versprechen, und wenn doch, dann nichts Gutes?

Man hat doch oft an solchen Tagen das Gefühl, es wäre nicht ein einziger Lichtblick dabei gewesen und das ganze Leben in diesen 24 Stunden sei irgendwie im grauen Nebel vorübergezogen.

Dass das vielleicht gar nicht so war, könnte ein Danke-ABC ans Licht bringen. Geht ganz einfach:

Danke für

A          Aufstehen geglückt

B           Bauchgefühl noch da

C           Cappuccino war lecker

D          Draußen war es doch nicht so schlimm

u.s.w.

😊

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 11.11.2020

Fuhr heute hinter einem Auto her, das überall mit sehr speziellen Aufklebern versehen war: „Lies die Bibel“; „Jesus hilft dir“, „Jesus ist Leben“ u.s.w.

Ich fragte mich, was die Besitzer des Wagens motiviert haben könnte, ihre Botschaften auf diese Weise durch die Stadt zu fahren. Und welche Reaktionen sie sich wohl erhoffen.

Ich selbst fühlte mich nicht angesprochen. Obwohl ich durchaus die Bibel lese und sie für existentiell halte. Auch denke ich, dass mein Glaube mir in vielen Situationen hilft. Aber das sind immer sehr persönliche Erfahrungen. Ich glaube nicht, dass plakative Äußerungen auf einem Auto dazu beitragen, dass Menschen Lust bekommen, in der Bibel zu lesen. 

Ich erlebe es eher so, dass Menschen sich fragen, warum ich bestimmte Dinge so und nicht anders für mich entscheide oder warum ich dies oder jenes tue. Und wenn ich dann sage, dass das auch mit meinem Glauben zu tun hat, dann ist oft Interesse da. Auch Interesse, mal nachzuschlagen, wo ich meine Weisheiten eigentlich herhole. Und manchmal kommt dann ein Gespräch zustande. Auch schonmal eines, indem ich selbst neue Sichtweisen zum Nachdenken bekommen. Für mich funktioniert das so: im Dialog sein, aufeinander hören, voneinander lernen. Das ist spannend, macht Spaß und Lust auf mehr 😊

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 10.11.20

Habe mir mittlerweile einige Reden von Mr. President Elect angehört. Was für eine Wohltat! Eine wertschätzende Haltung, eine höfliche Sprache, gut überlegte Formulierungen, die auch einer kritischen Überprüfung standhalten können. Natürlich wird jetzt nicht alles einfach gut. Dafür gibt es zu viele Probleme und tiefe Gräben. Aber es ist wieder eine andere Sprache da, die Dialogfähigkeit verspricht und aufmerksames Zuhören, und den aufrichtigen Willen zu einer fairen Auseinandersetzung.

Wie sehr würde ich mir das doch auch bei den Querdenkern wünschen! 


"Was Pfarrer gerade so machen"

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 09.11.20

Der 9. November erzählt in Deutschland zwei Geschichten. Die eine beschreibt, was geschieht, wenn Menschen dem Bösen nachgeben. Die andere beschreibt, welche Möglichkeiten darin liegen können, das Gute zu tun.
Ein Gedenktag für zwei bedeutsame Ereignisse in der deutschen Geschichte. Ein Gedenktag für ganz unterschiedliche Schicksale, die mit diesem Tag verbunden sind.
Ein Gedenktag, der uns gleichermaßen Mahnung und Hoffnung sein kann. Wir alle haben es in der Hand, denn jeder von uns trifft täglich Entscheidungen. Und jede Entscheidung eines Einzelnen kann dazu führen, dass eine ganze Nation kippt, auf die Seite des Bösen oder auf die Seite des Guten. Wir haben beides in Deutschland erlebt – 1938 und 1989. Wo hätten wir gestanden – 1938 und 1989? 
Der Antisemitismus ist heute in Deutschland erschreckend weit verbreitet. Zu einem geeinten Deutschland gehört für mich auch, dass Jüdinnen und Juden in unserem Land sicher leben können. Solange das nicht ist, haben wir als Kirche eine Aufgabe: zu mahnen und dafür einzustehen, dass niemals wieder ein 1938 geschehen kann und zu erinnern, was gewaltfreier Widerstand der Vielen bewegen kann. 
„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“!(Römerbrief 12,21)
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“Was Pfarrer gerade so machen” 


... heute tatkräftig die Martinsaktion des Stadtteil e.V. Honsberg unterstützen 💪🏽Im Bus sind die Weckmänner und liebe Grüße aus dem Lindenhof. 

Thorsten ist für die Logistik zuständig 👏.

Der KoVoHo ist natürlich mit dabei!

Oops 😷so ist natürlich richtig

Geschafft! Und gut geschätzt! Und viele nette Menschen getroffen, die uns gute Wünsche und liebe Worte mitgegeben haben🤗Bleibt alle behütet, euer Team vom Neuen Lindenhof!

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 06.11.20

Am ersten Sonntag im Mai feiern wir in der Pauluskirche Konfirmation. Immer! Na ja, fast immer. 

Ihr wisst, was in diesem Jahr am ersten Sonntag im Mai los war. 
 Die Konfirmationen wurde verschoben. Und weil wir besonders vorsichtig sein wollten, haben wir sie gleich bis in den Oktober verschoben. 

Ihr wisst, was im Oktober los war. Zunehmend waren Schulen und KiTas von Infektionen und damit verbundenen Quarantänemaßnahmen betroffen. Und so mussten ein paar Konfirmationen wieder verschoben werden, weil die Konfirmandinnen und Konfirmanden in Quarantäne steckten. Für diese Jugendlichen haben wir einen Alternativtermin im November gefunden. 

Ihr wisst, was im November los ist. Gottesdienste dürfen zwar stattfinden, aber keine Familienfeiern. Einige Konfirmationen finden jetzt ohne Familienfeier statt. Die anderen haben wir verschoben. Diesmal in den Januar. Hat schon jemand eine Ahnung, was dann passiert????

Für uns als Gemeinde ist das nicht so schlimm. Wir können die Konfirmationen jederzeit nachholen. Aber für Euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden und Eltern ist das eine echte Herausforderung. Planen, Vorbereiten, Einladen, dann wieder ausladen, alles rückgängig machen, dann wieder planen, einladen…..!

Heute muss ich Euch mal sagen, dass ich Eure Geduld bewundere und Euren Humor und dass Ihr die Hoffnung nicht verliert, dass irgendwann alle Konfirmation gehabt haben werden!!!!

An uns soll es nicht liegen, wir werden immer kreativer 😉

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 07.11.20

Kleine Erinnerung: Wer noch Lust hat, Beiträge zu unserem Online-Andachtsbuch zu verfassen, der kann das sehr gerne noch bis Ende November tun.

Ihr findet die Bibelverse für die Monate des Jahres 2021 auf unserer Homepage www.evangelischaufdemhasten.de unter „Forum“ und dann „Online-Andachtsbuch“. Eure Texte schickt Ihr einfach an mich (per PN bei Facebook oder an meine Email-Adresse auf der Homepage oder in Papierform in meinen Briefkasten).

Kleine Info, weil es dazu Rückfragen gab: Es geht nur um kurze Gedanken, Geschichten, Einfälle, die Euch zu den Bibelversen kommen. Es geht definitiv nicht um „richtig“ oder „falsch“, sondern es zählt, was ein Bibelvers bei Euch auslöst😊

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 05.11.20

Wenn man eine Fremdsprache lernen will, muss man auch Vokabeln lernen. Sozusagen als Handwerkszeug der Verständigung.

Wir alle haben wohl in diesem Jahr Infektionssprache gelernt. Und dazu gehörten auch viele neue Vokabeln: Inzidenzwert, Superspreader, Hotspot (dachten wir doch früher immer, das hätte mit dem Internet zu tun 😉), Reproduktionszahl, Triage, Nachverfolgung.

Fand eben in meinem Andachtsbuch einen netten Gegenentwurf:

Achtung Ansteckungsgefahr!

1.      Glücksnachrichten

2.      Wiedersehensfreude

3.      Gute Laune

4.      Lust auf Abenteuer

5.      Begeisterte Gesichter

(aus: Redaktion der Herrnhuter Losungen, Losungen für junge Leute 2020)

 

Bitte, bitte, steckt Euch damit an! Das hilft gegen Novemberblues und Chaosnachrichten😊

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 04.11.20

Vor vier Jahren bin ich morgens aufgewacht und war mir nicht ganz sicher, ob ich nicht doch noch träume. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Was für mich undenkbar ist.

Diesmal bin ich gar nicht erst schlafen gegangen, habe so lange es ging den Wahlkrimi verfolgt. Und denke jetzt wieder, ich träume das nur. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Sollte es wirklich möglich sein, dass gezielte Desinformation am Ende weltpolitisches Geschick bestimmt? Für Millionen Menschen in den USA und überall? 

Ich habe in den USA während der Obama-Zeit gute Erfahrungen gemacht, interessante Menschen kennen gelernt, grandiose Städte besucht und wunderbare Landschaften erlebt. Aber jetzt frage ich mich einmal mehr, ob nicht schon immer unter der Oberfläche geschlafen hat, was jetzt wieder zutage tritt. Weil niemand es sehen wollte? Oder konnte? 

Hoffen wir, dass die Demokratie noch eine Chance bekommt! Damit das Gute eine Chance zum Wachsen bekommt. Für die Menschen, die von guter Politik abhängig sind und sich gerade darauf verlassen müssen, dass in ihrem Sinne gehandelt wird.

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 03.11.20

 

Beschäftige mich gerade mit dem Predigttext für nächsten Sonntag. „Wir und die anderen“ ist mein gedanklicher Aufhänger. In diese Überlegungen hinein trudeln immer mehr Nachrichten aus Wien. Woher kommen so viel Hass und eine so große Gewaltbereitschaft? „Wir und die anderen“? Immer wieder? Im 1. Thessalonicherbrief entdecke ich auch dieses „wir und die anderen“. Aber mit einer anderen Intention. Weil wir Hoffnung haben und Liebe und Vertrauen, müssen wir nicht andere verurteilen, ausgrenzen, mit Hass und Gewalt überziehen. Weil wir geliebte Kinder Gottes sind, können wir anerkennen, dass das auch für alle anderen Menschen gilt. Dann kann man sich auch an einen Tisch setzen und über all das sprechen, was in unserer Welt im Argen liegt. Und das ist eine unglaublich große Menge. Ich habe für Attentate, für jegliche Gewaltanwendung, kein Verständnis und bin schockiert darüber, dass es schon wieder passiert. Aber wäre es nicht wichtig, wenn wir verstehen könnten, was Menschen zu Attentätern macht? Vielleicht wären dann Lösungen nicht ganz so fern und der große Verhandlungstisch der Welt ehrlich und aufrichtig an Lösungen interessiert.

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

Von Pfarrerin Annette Cersovsky, 02.11.20

Nachts (fast ganz) allein im Museum! Als ehemalige Burger Pfarrerin dachte ich, ich würde das Schloss sehr gut kennen. Aber bei Nacht und fast ohne Besucher und ohne die normale Beleuchtung war alles ganz anders. Lichtinstallationen setzten überraschende Akzente, anderes blieb verborgen. Vertrautes sah plötzlich anders aus und Unvertrautes machte neugierig.

Da bekommt Jesus‘ Selbstaussage „Ich bin das Licht der Welt“ nochmal eine neue Bedeutung für mich. Im Licht dessen, was Jesus tat, sieht ja auch manches anders aus. Der Blick auf den Anderen, die Frage nach dem Wesentlichen, die Entscheidung, wo wir unsere Lichtakzente setzen wollen.

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

Von Pfarrerin Annette Cersovsky, 01.11.20

Da sind wir also wieder – Lockdown oder eine Light-Version davon. Aber kein bisschen „light“ für die, die jetzt erneut hart getroffen sind. Für die ist es eher wieder neues „Leid“.

Wer trägt eigentlich Schuld daran, dass es wieder so weit gekommen ist? Jeder zeigt gerade mit dem Finger auf andere. 

Die Infektionsherde lägen im privaten Bereich, sagen die Wissenschaftler. Das leuchtet ein, denn dort bewegen wir uns auf vertrautem Gelände, machen vieles wie immer und kontrolliert werden wir dort natürlich auch nicht. Das ist auch richtig so, weil die private Wohnung ein besonders geschützter Bereich ist. Aber an diesem Punkt beginnen wir uns im Kreis zu drehen. Wir wollen uns im Privaten nicht einschränken lassen, wir wollen keine Kontrollen im privaten Raum, wir wollen aber, dass die Infektionszahlen möglichst schnell auf Null zurückgehen. Findet den Fehler😉

Wahrscheinlich tragen wir alle einen Teil der Schuld. Und sollten jetzt auch alle dazu beitragen, dass es wieder besser wird. „Suchet der Stadt Bestes“ – hieß es heute im Predigttext aus dem Jeremia-Buch. DAS zumindest können wir tun, da ist unsere Kreativität gefragt. Wer es sich leisten kann, sollte seinem Sportverein, Tanzkurs, Fitnessstudio, Theater etc. treu bleiben und keine Abos oder Mitgliedsbeiträge aufkündigen. Wenn euer Lieblingsrestaurant einen Abholservice anbietet, dann wäre doch ein „Day off“ in der Küche eine WinWin-Situation. Wenn Ihr Kulturschaffende kennt, fragt sie doch mal, womit man ihnen helfen könnte? Seid nett zum medizinischen Personal und geduldig im Supermarkt. Lächelt trotz Maske euer Gegenüber auf der Straße an. Informiert euch, was eure Stadt gerade brauchen könnte. 

Übrigens: heute startet die Aktion „Laternenfenster“. Wenn Ihr noch eine Laterne zu Hause habt, hängt sie heute Abend ins Fenster. Vom 01.-11.November können Kinder mit ihren Laternen durch die Straßen gehen und Laternenfenster zählen. Kein Martinszug, aber eine süße Alternatividee 😊

„Was Pfarrer gerade so machen“ - Aktion zum Mitmachen

…..ab und zu mal was Neues ausdenken 😉

Habt Ihr auch schonmal gedacht, dass Andachten zu Bibelversen manchmal wenig lebensnah sind und nichts mit Euch zu tun haben?

Dann habt Ihr jetzt die Chance, etwas dagegen zu tun!

Ich würde gerne zu den Monatssprüchen 2021 eine Sammlung lebensnaher und persönlicher Gedanken zusammenstellen. Die kann dann online das ganze Jahr 2021 weitergedacht und -geschrieben werden, als gedruckte Version möchte ich sie gerne zu Weihnachten an liebe Menschen in unserer Gemeinde verschenken.

Wenn Ihr Lust habt mitzumachen, dann schaut doch mal auf www.evangelischaufdemhasten.de unter „Aktuelles“ – da findet Ihr die Monatssprüche. Eure Beiträge könnt Ihr auf der Homepage ins Forum stellen als PN bei Facebook an mich schicken oder an meine Mailadresse annette.cersovsky@gmx.net oder einfach in meinen Briefkasten werfen 😊. In Eurem Beitrag sollte der Monatsspruch stehen, auf den Ihr Euch bezieht und ein Hinweis, ob Euer Name dazugeschrieben werden darf oder ob Ihr anonym bleiben wollt.

Ich bin gespannt, was da alles zusammenkommt und freue mich auf Eure Beiträge!

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

….Resturlaubstage in Schleswig-Holstein verbringen und dann feststellen, dass man plötzlich und ganz ohne eigenes Zutun zur unerwünschten Person wird.

Beherbergungsverbot für Remscheider – da denkt man erstmal „Wieso denn ich?“. Schließlich sind wir Maskenträger (und zwar nicht unter der Nase), halten Abstand, beachten Hygienevorschriften und haben für alles und jedes ein Hygienekonzept. Aber danach fragt niemand – es reicht, dass im Ausweis „Remscheid“ steht.

Nach dem ersten Schock (wir durften übrigens bleiben, vielen Dank, liebe Schleswig-Holsteiner, für Eure wunderbare Gastfreundschaft!) kam die Erkenntnis: natürlich kann im Corona-Notfall keine Einzelfallprüfung erfolgen. Und natürlich muss etwas getan werden, um die stetig steigenden Corona-Zahlen wieder in den Griff zu bekommen. Und ich werde nicht über die Maßnahmen schimpfen, solange ich keine bessere Idee habe!

Und ganz nebenbei habe ich auch etwas gelernt: So fühlt es sich also an, wenn man nur wegen seiner Herkunft beurteilt wird. Denkt mal drüber nach 😉 Und haltet Euch bitte an alle Regeln, damit wir wieder gerne gesehen sind in der restlichen Welt!

Pfarrerin Annette Cersovsky

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 17.07.2020

„Was macht ihr Pfarrer eigentlich gerade, wo ihr doch gar nichts machen könnt?“ – mit dieser Frage fing alles an – genau heute vor vier Monaten.

Ich habe in diesen Monaten eine Menge gelernt, Neues ausprobiert, Altes über Bord geworfen. Das Kirchenschiff ist ordentlich durchgeschüttelt worden – vermutlich war es mal an der Zeit. Wir haben viele Mitglieder verloren – auch das muss uns weiter beschäftigen, denn eine Krise wie die, die wir gerade erleben, zeigt deutlich, dass das Kirchensteuermodell vielleicht nicht das Beste aller möglichen Modelle ist. Es haben aber auch Menschen zu unserer Gemeinde gefunden, denen wir vorher zu langweilig waren oder zu sehr hinter unseren Mauern verschanzt oder zu wenig abwechslungsreich oder nicht genug alltagstauglich.

Es gab unglaublich viele spannende Gespräche, Anregungen, kreative Ideen, Angebote zur Mithilfe, spontane Aktionen und und und….für all das bin ich sehr dankbar!

Ich habe heute beschlossen, ab sofort nicht mehr täglich hier zu schreiben, sondern nur noch dann und wann. Es ist Zeit für Neues und ich habe auch schon ein Projekt im Kopf, das ich gerne mit euch zusammen starten würde. Das stelle ich in den nächsten Tagen hier vor……Bleibt alle behütet!!!!

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 16.07.2020

Mr. Fauci bemüht sich in den USA nach Kräften darum, ein paar Fakten über Corona, die Covid 19 Erkrankung und Infektionsgeschehen im Allgemeinen unterzubringen. Letzte Woche quittierte Mr. President diese Bemühungen mit der Aussage „…Fauci habe viele Fehler gemacht“.

Aber auch bei uns wird mehr und mehr angezweifelt, dass Wissenschaftler uns in diesen Zeiten etwas zu sagen hätten.

Ich frage mich, wo das herkommt. Wissenschaftler haben die Aufgabe, die Welt zu erforschen. Epidemiologen forschen zur Zeit in der Welt der Viren. Hätten sie uns einen Impfstoff präsentiert, wären sie wie Helden gefeiert worden. Empfehlen sie Mundschutz und Abstand, gehen wir demonstrieren. So ganz verstehe ich diese Reaktion nicht. Die widersprüchlichen Forschungsergebnisse deuten auch für Laien verständlich darauf hin, dass es noch keine genaueren Ergebnisse gibt. Mir ist sehr viel wohler dabei, ein bisschen mehr an Schutzmaßnahmen empfohlen zu bekommen, wenn man eben nicht so genau weiß. Wir müssen schon auch den Willen mitbringen, uns mit dem zu beschäftigen, was gerade unser Leben bestimmt. Und wenn wir selbst von Forschung und Epidemiologie keine Ahnung haben, können wir nur schwerlich Argumente dagegensetzen. Einfach nur mit dem Fuß aufstampfen, die Maske in die Ecke pfeffern und trotzig Wissenschaftler beleidigen ist jetzt nicht so hilfreich. Also – ruhig bleiben. Es wird schon😉

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 15.07.20

Habe mich eben im Kalender verblättert und bin im Juni gelandet. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich am 15. Juni einen wichtigen Tag gar nicht gewürdigt habe. Das hole ich hiermit nach😊

Am 15. Juni ist der „Tag des Strandkorbs“. Der soll von dem Korbmacher Wilhelm Bartelmann im Sommer 1882 erstmals für eine vom Rheuma geplagte Dame hergestellt worden sein.

Ich mag die Strandkörbe am liebsten außen weiß und innen blau-weiß-gestreift. Das ist ultimatives Stranddesign 😉 Die Körbe bieten Schutz vor Wind und Sand und Regen. Gleichzeitig ermöglichen sie aber auch, bei jedem Wetter an den Strand zu gehen. Sie beherbergen Schwimmtiere, Handtücher, sandverklebte Bücher und riechen wundervoll nach Sonnenöl. Sie geben einen Ausschnitt vom Strand und vom Meer frei – einfach nur für mich. Und wenn ich genug geschaut habe, dann kann ich aufstehen und mir ein neues Stück Strand und Meer erwandern. 

Wegen mir, liebe Strandkorbaufsteller, müsstet ihr die Körbe auch nicht jeden Abend typisch deutsch neu aufstellen. Lasst sie doch einfach so herumstehen, wie sie verlassen wurden. Jeder Strandkorb erzählt doch die Geschichte, die der vorherige Gast dort erlebt hat und zeigt seinen Ausschnitt von Strand und Meer 😉

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 14.07.2020

Ich lese gerade einen Thriller über raffiniert eingefädelte Wirtschaftskriminalität und wie man ihr allmählich auf die Spur kam. Die Familie des Haupttäters erwischen die Ermittlungen kalt. Sie wussten von nichts, hätten niemals damit gerechnet, dass so etwas überhaupt in ihrer Familie passieren könnte. Und nun sind sie ihrer Sicherheiten beraubt, materiell natürlich, aber auch im Hinblick auf Vertrauen und Zukunftshoffnungen. In der Familie wird ein Ausspruch zum Motto: „Immer das Beste hoffen, aber mit dem Schlimmsten rechnen.“ Ist das so? Sollten wir nicht immer nur das Beste hoffen? Damit sich etwas vorwärtsbewegt und wir handlungsfähig bleiben und das Ziel nicht aus den Augen verlieren? Wenn ich mir im Augenblick die Weltpolitik anschaue, dann hilft der hoffnungsvolle Blick nach vorne nur bedingt. Er sorgt dafür, dass wir Ziele setzen und Strategien erarbeiten. Aber mit dem Schlimmsten rechnen hilft dabei, keine Zeit zu verlieren und niemanden zurückzulassen. Heute schon im Kopf zu haben, für wen es eng werden könnte in der Corona-Pandemie, könnte dabei helfen, frühzeitig zu agieren, statt immer nur auf Hotspots zu reagieren. Und was würde sich erst alles ergeben, wenn wir nicht nur Corona-Hotspots, sondern auch Kriegs-Hotspots und Hunger-Hotspots in den Blick nähmen!

 

 

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 13.07.2020

Leider bin ich nicht immer so wahnsinnig geduldig. Mich nervt es, dass es oft so lange dauert, bis sich Erkenntnisse durchgesetzt haben oder endlich umgesetzt werden.

In meiner ersten Vorlesung 1984 wurde über den Kohleausstieg debattiert, weil inzwischen bekannt war, dass chinesische Importkohle nicht nur sehr viel billiger als deutsche Kohle zu haben war, sondern dass sie zudem mit viel geringeren schädlichen Folgen für die Umwelt abzubauen war.

Ihr wisst, wann der Kohleausstieg endgültig beschlossen wurde 😉

Ich habe mich im Laufe der Jahre dabei ertappt, dass ich über manche Probleme einfach nicht mehr nachgedacht habe, weil sich ja sowieso nichts ändert. Aber das ist die völlig falsche Einstellung, denn am Ende kommt doch etwas dabei heraus und zwar das Gute und Richtige. Das meint zumindest kein Geringerer als Georg Wilhelm Friedrich Hegel. In seiner Vorrede der „Phänomenologie des Geistes“ steht folgender Satz: „Wir müssen überzeugt sein, dass das Wahre die Natur hat, durchzudringen, wenn seine Zeit gekommen….“. Also, keine Ausrede mehr fürs Nicht-Mitdenken 😊

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 12.07.2020

Vor meinem Fenster spielten doch tatsächlich mal wieder Kinder Verstecken. Auch so eine Corona-Folge: miteinander Spielen, draußen sein, Bewegung und frische Luft haben wieder an Bedeutung gewonnen. Und – offensichtlich – auch das schöne alte Spiel „Ich zähle bis zwanzig, dann suche ich euch“.

Erwachsene, dachte ich, spielen auch manchmal Verstecken. Nicht an der frischen Luft und aus Lust am Spiel, sondern um etwas zu verbergen, das andere nicht sehen sollen. Machen gute Miene zum bösen Spiel, weil die anderen mehr sind oder man kein Spielverderber sein will. Manchmal setzen wir auch ein Lächeln auf, wenn uns zum Weinen zumute ist – nicht jeder soll unsere Schwäche bemerken oder gar Mitleid zeigen. Dann fühlt man sich ja noch schlechter.  Im Buch Jeremia lässt Gott durch den Propheten fragen „Meinst du, dass sich jemand heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe?“ (Jeremia 23,24) Früher hat man solche Bibelworte gerne (fragwürdig) pädagogisch genutzt: Gott sieht alles! Gott straft jede kleine Verfehlung!....und die großen sowieso! Bei Jeremia ist davon nichts zu spüren. Wir mögen viele Gründe haben, etwas zu verbergen, aber Gott sieht, wie es wirklich um uns bestellt ist. Das hat etwas sehr Entlastendes, denn dann kann ich einfach so mit Gott sprechen, muss ihm nichts vormachen, kann all das sagen, was sonst niemand wissen darf.  Ich würde nicht sagen, dass ein Gebet automatisch jedes Problem löst, aber einmal auszusprechen, was einen beschäftigt, schafft Raum für neue Gedanken und öffnet gelegentlich Perspektiven, wie man anders damit umgehen kann. Und immer wieder passiert es auch, dass da ein Weg ist, der vorher nicht da war. Zufall! Oder eine Antwort auf ein Gebet 😉

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 11.07.20

Unsere Kirchengemeinde macht mit bei „Remscheid tolerant“. Ob Toleranz denn überhaupt in der Bibel vorkäme, fragte kürzlich eine kritische Stimme zu unserem Engagement. Gute Frage – das Wort selbst kommt nicht vor. Die Gesellschaft, in der Jesus lebte, war intolerant. Mit den Samaritanern wurde gefremdelt, weil sie nicht zum Beten in den Jerusalemer Tempel kamen. Frauen hatten wenig Rechte, durften nicht als Zeuginnen vor Gericht aussagen und verfügten in den seltensten Fällen über eigenes Vermögen. Die geistlichen Gelehrten verachteten das einfache Volk, weil es ungebildet war. Die Zöllner wurden offen angefeindet, weil sie mit den römischen Besatzern kollaborierten. 

All diese Geschichten von Fremden, von Frauen, von Zöllnern und Gelehrten zeigen allerdings, wie Jesus in der Begegnung mit ihnen Toleranz verstand. „Toleranz“ kommt von „tolerare“ (Lat.), etwas aushalten,  das gelten lassen anderer Überzeugungen und Handlungsweisen als den eigenen. In der Begegnung mit dem „anderen“ stand bei Jesus immer im Vordergrund, nicht die Überzeugung und die Handlungsweise um jeden Preis gelten zu lassen, sondern den Menschen, der sie vertritt, ernst zu nehmen, ihm zuzuhören und in einen Austausch zu kommen. Toleranz heißt nicht, alles gut zu finden. Aber „Toleranz ist der Verdacht, dass der andere Recht haben könnte.“ (Kurt Tucholsky)

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 10.07.20

Fragt man ein bisschen herum, was typisch für das Christentum wäre, dann lautet die Antwort oft „Nächstenliebe“. Und da ist ja auch etwas dran. Jesus selbst hatte die sogenannte „Goldene Regel“ aufgestellt: Genau so, wie ihr behandelt werden wollt, behandelt auch die anderen! (Matthäus 7,12)

Man mag sich selbst ja durchaus auch nicht immer, aber gut behandelt werden möchte man schon. Was bedeutet also „den Nächsten lieben“? Vielleicht so: Zuhören, wenn einer ein offenes Ohr braucht. Gastfreundlich sein. Niemanden in Schubladen stecken. Teilen, was einem gegeben ist. Anpacken, wenn helfende Hände gebraucht werden. Aufmerksam sein für das, was in der Welt passiert. Aufregen über Ungerechtigkeit, Gewalt, Rassismus. Mutig eintreten für das, wovon man überzeugt ist. 

Die Liste kann sicher noch Ergänzungen vertragen 😉

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 09.07.20

Corona ist immer wieder Thema in Gesprächen mit Familie und Freunden, Nachbarn und Arbeitskollegen und sogar mit völlig wildfremden Menschen, wenn man in derselben Schlange ansteht oder mit der Maske kämpft. Natürlich stehen die Sorgen im Vordergrund, aber sehr viele Gespräche haben auch eine hoffnungsvolle Note. Corona hat uns gezeigt, worauf es ankommt und was wir wirklich im Leben brauchen. Und Corona hat uns eine Welt gezeigt, wie sie ohne persönliche Begegnungen wäre, eine digitale Welt ohne Umarmung und Naschen vom anderen Teller, ohne Enkelkinder auf den Schoß nehmen zu können oder mit der besten Freundin Arm in Arm durch den Park zu laufen.

Wir haben gelernt, dass schnelles Handeln und das Durchbrechen von Routine möglich sind, wenn nur alle wollen.

Der Chemiker und Professor Rainer Grießhammer erforscht an der Universität Freiburg nachhaltige Produkte. Er wirbt gerade darum, dass wir diesen positiven Schwung aus der Krise aufnehmen, um auch in Richtung Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Ökologie Veränderung möglich zu machen. Dafür sind politische Entscheidungen nötig und natürlich auch Geld. Und es braucht uns, eine Bevölkerung, die mehrheitlich mitmacht, die bereit ist, Dinge auch persönlich zu verändern, die anders Urlaub macht, weniger schnell fährt, einen Veggie-Day nicht ganz so katastrophal findet. Was wir davon hätten? Saubere Luft, leckeres Gemüse von heimischen Feldern, glückliche Tiere in großen Ställen, weniger Herz- und Kreislaufprobleme, weniger Stress, mehr Radwege, einen ausgebauten Nah- und Fernverkehr.

Laut Professor Grießhammer sind die meisten Klimaschutzmaßnahmen sogar ganz ohne Komforteinbußen zu haben. Wäre doch dumm, wenn wir nicht mitmachen würden😉

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 08.07.2020

Nun hat sich also auch Jair Bolsonaro, der brasilianische Präsident, mit Corona infiziert. Monatelang tat er Covid 19 als harmlose Grippe ab, wehrte sich gegen Masken und Abstandsregeln, ließ nur wenig testen. Bitte jetzt nicht falsch verstehen! Ich gönne ihm keineswegs die Erkrankung. Ich wünsche ihm wie allen anderen Erkrankten, dass er schnell wieder gesund wird und keine gesundheitlichen Folgen zurückbehält. Aber ich wünsche im Interesse der vielen Erkrankten in seinem Land, dass mit der Genesung auch die Vernunft kommt. Und die Einsicht in die Verantwortung, die er trägt. Und die Demut, dass Macht alleine aus einem Menschen noch keinen guten Staatsmann macht.

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 07.07.20

Hatte immer schon den Verdacht, dass Aristoteles ein ziemlich kluger Mann gewesen sein muss 😉

Vielleicht hätte er einen seiner berühmten Aussprüche auch in unserer Zeit angewandt, wenn er den Umgang mit der Corona-Pandemie verfolgt hätte. Lockern oder Lockdown, Maske oder keine Maske, Corona-App oder jede andere App (nur nicht diese), Soforthilfen oder Mehrwertsteuersenkungen oder EU-Hilfspakete – egal, was beschlossen wird, es gibt sofort Kritik und Gegenstimmen. Bitte nicht falsch verstehen: es ist gut, dass wir in einem Land leben, in dem man die Regierung kritisch anfragen kann, ja sogar soll. Mitdenker sind wichtig und meistens haben die Dinge ja auch mehr als eine Dimension. Aber Aristoteles hatte einen guten Blick darauf, wie man Kritik und Kritiker auch sehen könnte:

„Wenn du Kritik vermeiden willst: Sage nichts. Tue nichts! Sei niemand!“ (Aristoteles)

Etwas weniger weise und dafür mehr alltagspraktisch würde ich sagen: Kritik üben ist gut und wichtig. Aber dann bitte auch mit Begründung und, am allerbesten, mit kreativen Gegenvorschlägen.

Rechts: Büste von Aristoteles, Museo nazionale romano di Palazzo Altemps, Wikipedia, gemeinfrei

„Was Pfarrer gerade so machen“
 
von Pfarrerin Annette Cersovsky, 06.07.20
Liebe Einbrecher, was habt Ihr Euch heute Nacht nur gedacht? Wir haben kein Bargeld, außer den kleinen Notfallkassen, die Ihr gefunden habt. Wir haben leider auch sonst nichts, was sich zu Geld machen lässt. Ihr habt also nicht viel gewonnen und seid dafür ein großes Risiko eingegangen.
Wir haben nun mehrere eingetretene Türen, zerbrochene Fensterscheiben, herausgebrochene Schlösser und Schranktüren und viel Papierchaos im Büro.
Das Wertvollste, das unsere Gemeinde hat, sind aber die vielen Menschen, die sich bei uns ehrenamtlich und hauptamtlich engagieren, die niemals auf die Idee kämen bei uns einzubrechen, weil sie wissen, dass man uns in jeder Notlage ansprechen kann. Und das gilt auch für Euch! Wenn Ihr Geld gesucht habt, weil Ihr in Not seid, dann hätten wir versucht zu helfen. Aber „einfach so“ irgendwo einsteigen? Sorry, aber dafür haben wir kein Verständnis!


„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 05.07.2020

„Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“ – Ein geflügeltes Wort, das gerne mal verwendet wird, um sich über irgendeine politische Entscheidung zu beschweren, weil einer denkt, sie würde unserem Land schaden.

Bei einer kleinen Recherche über Heinrich Heine bin ich über diesen Ausspruch gestolpert. Er stammt aus dem Gedicht „Nachtgedanken“, das 1844 in dem Zyklus „Zeitgedichte“ erschien.

Aber Heine beschwert sich nicht über eine Entscheidung, die ihm nicht passt. Der Ausspruch hat einen viel ernsteren Hintergrund. Heine schrieb dieses Gedicht im Exil in Paris. Als kritischer, politisch engagierter Journalist und wegen seiner jüdischen Herkunft war er gleichermaßen von Antisemiten und Nationalisten so bedrängt worden, dass er seine Heimat verließ.

Immer wieder dasselbe Thema! Vorurteile, Abgrenzungen, mangelhafte Kenntnisse über andere Länder und Kulturen. In einem anderen Gedicht, „Diesseits und jenseits des Rheins“, wirft er einen überaus kritischen Blick auf den Umgang der Deutschen mit Frankreich.

Als überzeugte Europäerin wünsche ich mir, dass er mit diesem Gedicht niemals Recht behalten möge!


Bild rechts:
Heinrich Heine
 (Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim, 1831,
Kunsthalle Hamburg) 

 

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 03.07.20

Starten – oder doch nicht starten? So haben wir uns wochenlang gefragt, denn das Projekt „Kirche unterwegs“ war, wie alles in diesen Wochen, durch Corona bedroht.

„Kirche unterwegs“ – das sind zahlreiche Projekte in ganz Deutschland, in denen Kirche neu gedacht wird. In unserem Kirchenkreis ist „Kirche unterwegs“ auf dem Zeltplatz II an der Bever zu finden. Wir sind dort Dauer-Camper, haben einen Wohnwagen aufgestellt und jetzt in den Ferien auch Zelte. Sechs Wochen lang sind fünf Mitarbeiterinnen im Einsatz, um Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ein paar schöne Erlebnisse zu schenken. Spiele und Aktionen, Geschichten, Bastelideen, Singen, Schwimmen. Aber auch offene Ohren für Gespräche, die sich nur ergeben, wenn man Zeit hat, Interesse an den Lebensgeschichten anderer Menschen und Offenheit für einen ehrlichen Austausch. Gespräche über Gott und die Welt und keine fertigen Lösungen, gemeinsam Glauben entdecken, statt starrer Glaubensdogmen. Heute Abend geht es los – eingeladen ist jeder, der Lust hat zu kommen. Natürlich in erster Linie alle Urlauber auf den Zeltplätzen, aber es ist immer noch Platz für diejenigen, die einfach so vorbeikommen wollen. Wir freuen uns auf euch! Wer nähere Infos möchte – einfach bei mir anrufen oder eine Mail schreiben 😊

 

 

 

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 02.07.2020

Neulich so geschehen in einer Zoom-Vorlesung an der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal: ein Zoom-Bombing. Bisher hatte man ja höchstens mal davon gehört, dass es Leute gäbe, die Zoom- oder andere Online-Veranstaltungen hacken, weil die Meeting-IDs leicht zu erraten sind, und sich dann massiv störend in eine Veranstaltung einschalten. Aber auch das ist Realität, wie sich nun gezeigt hat.

Und ich frage mich, was eigentlich Menschen dazu veranlasst, solche Dinge zu tun. Einfach zu stören oder zu zerstören oder Menschen anzugreifen – scheinbar ohne Grund. In den letzten Wochen kam all das vor und wir nehmen das kopfschüttelnd wahr. Solche Angriffe aus dem Nichts machen hilflos, weil man ihnen nichts entgegensetzen kann. Aber wir können jeden Versuch unterstützen, den wir in unserem persönlichen Umfeld wahrnehmen, wenn solche Angriffe geschehen – im Kleinen, vielleicht „nur“ verbal. Im Hebräerbrief im Neuen Testament gab es dazu schonmal einen Aufruf: „Wir wollen uns umeinander kümmern und uns gegenseitig zur Liebe und zu guten Taten anspornen.“ (Hebräer 10,24)

Klingt doch nach einem guten Plan 😉

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 01.07.20

Viele Leute lesen jeden Tag die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine. Auch über einem Jahr steht jeweils eine solche Losung. Dass aber auch die Monate eigene Losungen haben, wissen viele nicht. Bei dem Wort „Losung“ muss ich immer an die andere Bedeutung denken: eine Losung ist auch ein Wahlspruch, etwas, wonach man sich richten kann. In diesem Sinne steht über dem Ferienmonat Juli ein Vers aus der Elia-Geschichte, der gut zu den Ferien passt, finde ich: „Der Engel des Herrn rührte Elia an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.“ (1. Könige 19,7) Elia ist erschöpft und ausgelaugt. Schlimme Dinge hat er getan, dafür wird er nun verfolgt. Der Weg zum Frieden ist weit. Und dann, ganz unvermittelt und unerwartet, gibt es einen Motivationsschub. Keine Strafpredigt, denn Elia weiß längst um seine Schuld und leidet darunter. Was er jetzt braucht, ist neue Kraft und Stärkung für den Weg, den er wieder aufnehmen muss. Und er lernt etwas dabei: was ihn stark macht, das sind nicht die Waffen, sondern das Eingestehen von Schuld und das Übernehmen von Verantwortung und das Aussteigen aus der Gewaltspirale. 

Für uns in der Ferienzeit vielleicht ein Weckruf: mit sich ins Reine kommen, sich trennen von dem, was belastet und nichts bringt und wieder das eigene Leben in die Hand nehmen, um es – trotz Corona – wieder zum eigenen Leben zu machen.

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 30.06.20

Lockdown im Kreis Gütersloh und die fragile Freiheit dieses Sommers – ich frage mich, ob wir nicht, statt auf Lockerungen zu drängeln, lieber alle ein wenig länger im Shutdown hätten aushalten sollen. Die Folgen für die Wirtschaft sind katastrophal, aber sie würden noch katastrophaler ausfallen, wenn es nicht mehr nur um einen Landkreis geht, der wieder herunterfahren muss.

Ich würde auch lieber ein schönes Urlaubsziel auswählen und ein paar Tage lang alles vergessen, den Duft des Meeres in der Nase oder die fernen Berge im Blick. Aber das ist nicht die einzige Form von Freiheit. Freiheit ist es auch, wenn ich wählen kann. Wenn ich mich bewusst entscheide, weiter vorsichtig zu sein, noch nicht wieder alles in Anspruch zu nehmen, was erlaubt ist, sondern abzuwarten und mich und andere dadurch zu schützen. Viele denken so, das ist zumindest mein Eindruck. Wir könnten eine starke Gesellschaft sein, die das aushält und daran wächst. Vielleicht gelingt es ja noch – sogar ganz ohne, dass uns jemand vorschreiben muss, wie wir uns zu verhalten haben.

 

„Was Pfarrer gerade so machen“
 
von Pfarrerin Annette Cersovsky, 28.06.20
„Der Glaube versetzt Berge“ – das wird gerne mal in den Raum geworfen, wenn einer ehrlich interessiert nachfragt, was der Glaube denn eigentlich sei oder was er im Leben ausmacht. „Der Glaube versetzt Berge“ – aber er heilt nicht das kranke Kind auf der Intensivstation oder befriedet die Kriegsgebiete in der Welt. Der Glaube schützt nicht vor Angst und Trauer und auch nicht vor dem Tod.
Im Hebräerbrief steht eine Definition von „Glaube“: Der Glaube ist die Gestalt dessen, worauf man hofft. Er liefert den Beweis der Wirklichkeit, die nicht sichtbar ist. (Hebräer 11,1) Glaube ist also das, was selbstverantwortliche Menschen für nicht angemessen halten müssen. Eine Flucht vor der Wirklichkeit, sagen manche, und ein Abtauchen in schöne Zukunftsbilder.
Man könnte aber auch anders argumentieren: wer glaubt, sieht, erlebt und durchlebt genau das, was alle anderen auch sehen, erleben und erleiden. Aber wer glaubt, hat einen anderen Blick auf all diese Dinge. Wer glaubt, hält nicht alles Schöne im Leben für Zufall und alles Schlimme für Strafe oder Schicksal. Wer glaubt, hat einen Adressaten für Freude und Kummer und auch für den Zweifel, weiß sich getragen, wenn nichts sonst mehr hilft. Der Glaube ist Perspektivwechsel; weg von mir selbst und hin auf einen großen Zusammenhang.
 


„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 27.06.20

Besorgt sahen letztes Wochenende viele nach Stuttgart. Scheinbar unpolitisch und ohne Motiv gingen zahlreiche junge Leute auf Polizisten los. Die Frage nach den Gründen konnte keiner beantworten. Es sei die Partyszene gewesen, hieß es. Aber wer ist das? „Die Partyszene“? 

Es fällt auf, dass gerade an vielen Orten die Schranken dessen fallen, was common sense in einer Gesellschaft sein sollte: Gewaltlosigkeit, die Bereitschaft aufeinander zu hören, einander zu helfen und auch zu akzeptieren, dass es Grenzen gibt, die in einer Gesellschaft zum Wohl aller nicht überschritten werden dürfen. Woher kommt dieses Gefühl, gegen alle Regeln verstoßen zu müssen? Und was wäre die Alternative zu einem Staat, wie dem unsrigen? Wir können für unsere Rechte Rechtsmittel einlegen. Wir können politisch Einfluss nehmen. Wir können überall und zu jederzeit unsere Meinung sagen. Aber tun wir das alle? Engagieren wir uns genug für eine freie Gesellschaft? Und sagen wir klar genug, wann es genug ist? Mein Eindruck: wir haben selbst Angst, dass jemand über uns herfällt, wenn wir beispielsweise in der S7 jemanden bitten, die Füße vom Sitz zu nehmen. Aber die Angst müssten wir nicht haben, wenn wir die Mehrheit wären😉

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 26.06.20

Verfolgt Ihr auch, wie es mit Tönnies weitergeht? Abend für Abend schaut man die Nachrichten und denkt, es könnte nicht schlimmer werden, und dann taucht ein neues Detail auf.

Aber mal ehrlich: eigentlich war doch bekannt, dass die Fleischpreise nicht auf so einem niedrigen Niveau sein können, wenn die Produktion sauber und die Belegschaft ordentlich bezahlt und untergebracht würde. Das gleiche Thema hatten wir doch schon vor Jahren mit den Shirts für ein paar Euro. Globalisierung ist super, wenn es bedeutet, dass wir überall auf der Welt reisen, studieren, investieren und handeln können. Aber Globalisierung heißt dann auch, dass alles mit allem zusammenhängt. Ein günstiges Shirt in Remscheid bedeutet niedrige Löhne für die Näherin in Bangladesch. Ein günstiger Fleischpreis bei unseren Discountern bedeutet, dass die Arbeiter in schlechten Unterkünften leben und wenig Lohn bekommen. Und dass sie das alles in Kauf nehmen, weil es in ihren Heimatländern noch schlechter aussieht. Wir sind eine Welt! Und tragen Verantwortung für die eine Welt. Alle! 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 25.06.20

Habe gestern Abend bei den Tagesthemen ein neues Wort gelernt: social distancing shaming.

Es ging um die Urlauber aus dem Kreis Gütersloh, die auf Usedom Ferien machten und dann aufgefordert wurden abzureisen. Begründung: von ihnen ginge Gefahr aus, sie kämen aus einer Hochrisikoregion und man müsse sich schützen. Im Seebad Ahlbeck wurden andere Urlauber, die das Glück hatten, woanders zu wohnen, befragt. Wie sie das fänden, was da mit den Menschen aus Gütersloh passiert sei, wollte ein Journalist wissen. Antwort: Richtig so! Wer eine Gefahr für andere darstellt, muss ausgewiesen werden. Die sollen dahin zurückkehren, wo sie hergekommen sind! Fällt euch was auf? Die Wortwahl und die Nachdrücklichkeit, mit der die Worte ausgesprochen wurden, erinnern doch sehr daran, wie immer wieder mit „den anderen“ umgegangen wird. Fühlt sich nur gar nicht gut an, wenn man plötzlich selbst „der andere“ ist. Für den Lerneffekt ein wichtiger Schritt. Für den Zusammenhalt in unserem Land (und für den Tourismus) ist das gar nicht gut.

Ich habe noch keinen Urlaub geplant, aber die Lust dazu vergeht mir auch gerade. Wer weiß, ob dann nicht die bergische Region vom Shaming der „guten Bürger“ betroffen ist. Wohlgemerkt nicht, weil ein Beratungsresistenter mit einer bestätigten Covid 19 Diagnose in Urlaub gefahren wäre, sondern wegen seiner Postleitzahl. 

Einen Tipp aus Ahlbeck gab es auch noch: man dürfe ja kommen, aber nur, wenn man einen maximal 48 Stunden alten Corona-Test nachweisen könne. Getestet wird aber nur bei Symptomen, bei Kontakt mit Infizierten und in bestimmten Berufsgruppen, nicht weil man Urlaub auf Usedom machen möchte. SO stärken wir den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft wohl eher nicht! Wir und die anderen – das ist schonmal der erste Fehler, finde ich!!!

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 24.06.20

Heute ist einer der in Vergessenheit geratenen Gedenktage der Kirche. Rhabarberliebhaber kennen den Johannistag als den letzten Tag, an dem man Rhabarber unbedenklich essen kann. Aber eigentlich wird am Johannistag an Johannes den Täufer erinnert. Mit Jesus war er verwandt, optisch muss er wohl gewöhnungsbedürftig gewesen sein und auch im Hinblick auf seine Essensvorlieben. Aber bekannt geworden ist er als derjenige, der sehr früh zur Umkehr aufgerufen hat. Er hat den Finger in die Wunden seiner Zeit gelegt, Lüge, Neid, Hass und Rücksichtslosigkeit aufgedeckt und dafür geworben, diesem Leben den Rücken zu kehren und neu zu beginnen. Als Zeichen dieses Neubeginns wurden die Menschen, die dazu bereit waren, im Jordan kurz untergetaucht. Bis heute ist die Taufe das Symbol für den Neubeginn und den Start in ein Leben in den Spuren, die Jesus gelegt hat. Heute nehmen wir nur eine Handvoll Wasser zum Taufen, aber die Idee dahinter ist dieselbe: das Wasser wäscht symbolisch ab, was uns von Gott trennen könnte und den Getauften wird zugesprochen, dass sie zu Gott gehören und geliebt sind, ganz ohne Vorleistung oder Vorbedingung. Johannes wurde getötet für seine mutigen Worte. Er kam den Mächtigen seiner Zeit in die Quere. Darauf müssen wir aufpassen, dass kritische Stimmen bei uns immer Gehör finden.

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 23.06.2020

Meine liebe Kollegin hat eine neue App. Sie ist naturbegeistert, beobachtet gerne Tiere, fotografiert und hört den Vögeln zu. Im Gegensatz zu mir kann sie Vogelstimmen unterscheiden und manche auch zuordnen. Aber eben nicht alle. Die neue App kann das. Man nimmt das Gezwitscher auf und die App sagt dann zum Beispiel: Buchfink! Genial 😉

Ich habe keine Ahnung von Vogelstimmen, aber seit sie mir die App gezeigt hat, höre ich aufmerksamer hin. Und tatsächlich, auch ich lerne zu unterscheiden – und bin überrascht, wie wenig ähnlich sich das Gezwitscher ist. Wie bei Menschen auch hat jeder Vogel seine eigene Stimme und eine eigene Melodie.

Das ist also gemeint, wenn es in Psalm 104 heißt: „Wie zahlreich sind deine Werke, Herr. In Weisheit hast du sie alle gemacht. Die Erde ist voll von deinen Gütern.“ (Ps 104,24)

Und wir haben sie wohl längst noch nicht alle entdeckt 😊

 

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 22.06.20

Kennt Ihr noch „Lukas, der Lokomotivführer“? Da kommt eine Figur vor, die mir gelegentlich auch schonmal begegnet ist: ein Scheinriese. Der Scheinriese sieht, wie der Name schon sagt, riesig aus, bedrohlich, angsteinflößend. Aber wenn man sich ihm nähert, wird er immer kleiner, bis er nur noch ein armer und unglücklicher Mann in Normalgröße mit Normalproblemen ist. So ist es manchmal mit Problemen. Sie erscheinen wie ein riesiger Berg. Und je weiter wir sie wegschieben, umso mehr Raum nehmen sie ein. Aber gleichzeitig engen sie uns damit auch ein. Sich dem Problem zu stellen, hilft manchmal, es wieder auf handlichere Größe zu schrumpfen. „The fears you don’t face, become your limits.“ Manchmal sind bei Whats App verschickte Sprüche auch ganz einleuchtend😉

„Was Pfarrer gerade so machen“
 
von Pfarrerin Annette Cersovsky, 21.06.2020
Von dem Publizisten und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel stammt folgender Ausspruch: „Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit.“ Das wirkt auf den ersten Blick fragwürdig, weil Gleichgültigkeit so viel weniger schlimm erscheint als Hass. Aber im Blick auf die Entwicklungen in den USA müssen wir uns die Frage stellen, ob nicht gerade die lange Phase der Gleichgültigkeit gegenüber dem versteckten (oder auch offenen) Rassismus in Teilen der Gesellschaft den Hass beförderte, der jetzt zutage tritt.
Elie Wiesel war 1928 als Sohn einer jüdischen Familie in Rumänien zur Welt gekommen. In seiner Romantrilogie „Elischa“ erzählt er, wie die Gleichgültigkeit der Gesellschaft dazu führte, dass der Mord an den Juden gesellschaftsfähig werden konnte. Elie Wiesel überlebte Auschwitz und Buchenwald und wurde am 11.April 1945 von amerikanischen Soldaten befreit. Diesen Tag beschreibt er in seinem Buch mit dem sogenannten Spiegelerlebnis. Am Tag der Befreiung konnte er das erste Mal wieder sich selbst im Spiegel anschauen und schrieb dazu: „Aus dem Spiegel blickte mich ein Leichnam an. Sein Blick verlässt mich nicht mehr.“ Zeitlebens setzte sich Elie Wiesel für die Aufarbeitung des Holocaust ein und wurde zu einem Mahner gegen Gleichgültigkeit. 
Wir dürfen auf keinen Fall Gefahr laufen, diese Gleichgültigkeit in unserem eigenen Land gegenüber Rassismus und Antisemitismus so lange zu ignorieren, bis sie wieder mehrheitsfähig ist!
 


„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 20.06.2020

Corona-Warn-App! Seit kurzem in den App-Stores verfügbar und heftig umstritten, ob sie etwas bringt, ob sie sicher ist, ob man sich auf die Anonymität verlassen kann u.v.m.

Ich habe keine Antworten auf diese Fragen. Wahrscheinlich kommt es auf einen Versuch an, wie immer, wenn etwas ganz neu auf den Markt kommt.

Aber ein Contra-Argument erscheint mir doch wenig sinnvoll: die Corona-App beschränke unsere Freiheit, war da in einem Kommentar zu lesen. Eine Gesellschaft, die sich freiwillig auf Facebook, Instagram, Twitter oder TikTok vernetzt, die auf Jodel schaut, was andere in der Stadt so machen, die in Online Games abhängt und zweite Leben lebt, hat für sich doch schon einer gewissen Offenheit und Transparenz zugestimmt. Bei allen sozialen Medien sind wir frei, sie zu nutzen und wir sind frei, selbst zu bestimmen, welche Inhalte, Infos und Fotos wir allgemein zugänglich machen. Die Sicherheitsstandards können die meisten von uns nicht überprüfen. Wir vertrauen einfach, dass es schon gut gehen wird, wenn wir uns für die Vernetzung im digitalen Raum entscheiden. Das gilt dann doch wohl auch für die Corona-App. Es bleibt die Frage, was denn eigentlich genau unsere Freiheit dabei beschränkt. Wir sind frei zu entscheiden und leben in einem Land, in dem wir das ohne Konsequenzen tun können. Ist es nicht viel eher so, dass wir uns in der Vielfalt der Möglichkeiten verstricken? Freiheit braucht auch Orientierung und Vertrauen. Nur wer sich an etwas orientiert, kann eine Entscheidung treffen. Im Fall der Corona-App ist es doch einen Versuch wert, andere zu schützen.

 

„Was Pfarrer gerade so machen“
 
von Pfarrerin Annette Cersovsky, 19.06.2020
Corona ist vorbei? So sagen viele, aber vermutlich stimmt das nicht, denn sonst würden wir ohne Masken einkaufen, auf Festivals gehen, Partys mit vielen Freunden organisieren und uns zur Begrüßung in den Arm nehmen. Wir haben uns gewöhnt an das Ungewöhnliche und gelernt, damit zu leben. Die Sorge bleibt. Vielleicht die Zeit für ein solches Gebet:
Wenn wir keinen Ausweg mehr sehen, sprich Du Worte, die ermutigen.
Wenn wir durch schwierige Umstände gebunden sind, sprich du Worte, die befreien.
Wenn wir aufbrechen wollen, aber der Mut zu klein ist, sprich Du Worte, die beflügeln.
(aus: Losungen für junge Leute, Hg.. E. Heckmeier)
 


„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 18.06.20

Als ich ganz neu in Remscheid war, konnte ich mir überhaupt nicht erklären, wieso so unglaublich viele Menschen von der „See-Stadt“ sprachen. Ich bedauere nämlich sehr, dass Remscheid gerade nicht an der See liegt. Inzwischen weiß ich, wo der Begriff herkommt. Er geht ja auch noch weiter „Seestadt auf dem Berge“. Das macht es in Kombination mit der Geschichte der Stadt etwas klarer.

In diesen Tagen wird darüber diskutiert, ob unsere „Seestadt“ auch einen Hafen bekommt. 

Dahinter steht die Idee der Initiative „Seebrücke“, bei der sich Städte zu sicheren Häfen erklären können. Remscheid hat zur Zeit Aufnahmekapazitäten für solche Flüchtlinge, die im Augenblick in überfüllten Camps v.a. in Griechenland festsitzen. Dort herrschen sehr schwierige hygienische Zustände, die Versorgung mit sauberem Wasser und ärztlicher Hilfe ist nicht immer gewährleistet und die Camps sind absolut überfüllt.

Es ist ein Zeichen europäischer Solidarität, dass wir über Corona nicht diejenigen vergessen, für die Hände waschen und desinfizieren nicht ein lästiger Alltagsusus ist, sondern schlichtweg unmöglich, weil es an allem fehlt, auch an Perspektiven und Hoffnung.

Es wird sicher jede Menge Argumente gegen diese Aktion geben. Aber aus meiner Sicht tun wir gut daran, uns an das zu halten, was Jesus seinen Zeitgenossen immer wieder ans Herz gelegt hat: Genau so, wie ihr behandelt werden wollt, behandelt auch die anderen!“ (Matthäus 7,12) Eigentlich logisch, oder?

Wer sich informieren möchte: https://seebruecke.org und Bündnis „Städte Sichere Häfen“

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

Von Pfarrerin Annette Cersovsky, 17.06.2020

Der Sonntag Trinitatis war Anfang Juni. Trinitatis – eine Woche nach Pfingsten werden wir erinnert, dass Gott in dreierlei Gestalt Menschen begegnet. Als Schöpfergott, weit weg und zu groß, um ihn zu begreifen. Als Bruder in Jesus Christus, der den fernen Gott ganz nah gebracht hat und durch sein Handeln gezeigt hat, wie Gott ist. Und als Kraft in uns selbst, als Geist Gottes, die manchmal geschenkt wird, nicht fassbar und nicht verfügbar, aber dennoch da.

Gott ist nur einer, aber er kann uns unterschiedlich begegnen.

Ganz schön kompliziert! Leider ist mir erst jetzt eingefallen, dass es ein schönes, einfaches Beispiel gibt, die Trinität zu erklären. Das Beispiel stammt aus dem 5. Jahrhundert, der Erfinder wird bis heute am 17. März gefeiert. St. Patrick, der erste Missionar Irlands, nahm der Legende nach ein Kleeblatt als Beispiel. Er soll gesagt haben, dass es mit der Trinität sei, wie bei einem Kleeblatt. Das habe drei Blätter und bilde dennoch eine Einheit. Die vielen Dreipass-Ornamente in unserer Pauluskirche erinnern an diese Symbolik. Wenn die Predigt mal langweilig sein sollte, kann man die Dreipass-Ornamente zählen: es sind Hunderte 😉

„Was Pfarrer gerade so machen“
 
von Pfarrerin Annette Cersovsky, 16.06.2020
Mit Sorge blicken gerade viele in die USA. Das Land, das für Fortschritt, Innovation und unbegrenzte Möglichkeiten stand, droht im Chaos zu versinken: die Gesellschaft gespalten, die politische Führung entweder hilflos oder mit eigenen Interessen befasst, zunehmend abgeschottet durch Aufkündigen wichtiger Bündnisse.
Aber bevor wir uns zurücklehnen und froh darüber sind, dass wir Europäer sein dürfen, täte uns ein Blick in die eigene Gesellschaft gut. Auch in weltoffenen Großstädten trennen wir uns in „wir“ und „die anderen“. „Die anderen“, das sind die, mit denen die eigenen Kinder nicht die Schule besuchen sollen, die wir nicht als Nachbarn wollen, die immer so arrogant gucken, die sich für besser halten oder Dschungelcamp gucken, vegan essen, Campingurlaub machen oder was auch immer. Es ist völlig egal, worum es geht, es wird nicht mehr auf der Sachebene diskutiert, ob beispielsweise vegan leben sinnvoll sein könnte oder warum jemand Dschungelcamp guckt. Es wird wahrgenommen und geurteilt und in eine Schublade gepackt. Der Soziologe Henri Tajfel erforschte schon in den 60er Jahren, dass Menschen eher geneigt sind, innerhalb der eigenen sozialen Gruppe zu helfen als außerhalb.
What would Jesus do? Unter diesem Motto fragen sich gelegentlich Menschen, was denn eigentlich ein christliches Menschenbild in einer gesellschaftlichen Frage als Antwort hätte. Was würde Jesus tun? Die Geschichten, die über ihn erzählt werden, lassen keinen Zweifel zu: er hatte mit Menschen aller sozialen Schichten Kontakt. Ihn hat nicht gestört, wenn andere das unmöglich fanden. Aber er war auch nicht mit jedem eng befreundet. Nur jedem gegenüber respektvoll und interessiert.


 

„Was Pfarrer gerade so machen“ 

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 15.06.2020 

Eine meiner Lieblingsmethoden für Bibelarbeit ist der Bibliolog. Ein biblischer Text wird eingeführt, Personen und Setting bekannt gemacht, und dann werden die Teilnehmenden eingeladen, sich in eine dieser Personen hineinzuversetzen und als diese Personen auf Fragen zu antworten. Dabei geht es nicht um „richtige“ Antworten, also die, die im Text vielleicht vorkommen könnten. Es geht um die eigene Sicht. Beispiel Predigttext gestern: in der Apostelgeschichte wird im 4. Kapitel erzählt, dass die ersten Gemeinden alles, was sie an Gütern und Geld besaßen, untereinander geteilt haben. 

Ein Bibliolog zu dieser Geschichte könnte nun so aussehen: Du bist Simon und hast gerade erfahren, dass du als Mitglied deiner Gemeinde all dein Geld mit den anderen teilen solltest. Simon, wie fühlt sich das für dich an? Ist das gerecht? 

Manchmal ist es erstaunlich, welche Antworten bei einem solchen Spiel am Ende herauskommen. 

Bibliolog geht vermutlich auch per Zoom. Wer hat Lust auf einen Versuch? 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 14.06.2020

Diese Woche gab es einen Besuchsdienst-Workshop. In einem Zoom-Meeting tauschten sich 40 Hauptamtliche aus der ganzen Landeskirche miteinander aus. Besuchsdienst in Corona-Zeiten hat sich natürlich verändert. Überall werden Gratulationen schriftlich oder telefonisch übermittelt. Persönliche Gespräche finden an geöffneten Fenstern, vor Balkonen oder im Hausflur statt. Ein Lock-Down für die persönliche Beziehung, aber auch eine Chance, anders wieder aus dem Lock-Down herauszukommen. Viele Kolleg*innen berichteten von denselben Phänomenen. Trotz der Schwierigkeiten beim Kontakthalten ohne Kontakt kamen erstaunlich viele Kontakte zustande. Auch ganz neue Kontakte, überraschend und erfrischend. Im persönlichen Briefwechsel oder am Telefon ließ es sich wohl manchmal leichter reden, als anlässlich des 85. Geburtstages, wenn die Nachbarn mit auf dem Sofa sitzen. Besuchsdienst wird sich verändern. Wir können schon jetzt nicht mehr alle Senior*innen persönlich zum Geburtstag besuchen, obwohl wir zu den wenigen glücklichen Gemeinden gehören, die noch einen funktionsfähigen Besuchsdienstkreis haben. Aber wir wollen unbedingt die Menschen erreichen, die sich über unseren Besuch freuen, die etwas mitteilen möchten oder einfach mal nur wieder Besuch bekommen wollen, weil sonst nie jemand kommt. Wenn das dann am Ende doch ganz viele Menschen sind, dann brauchen wir mehr Engagierte, die Besuche machen möchten. Wäre das nichts für Euch? Wir bieten Schulungen und Begleitung an und einen sehr netten Besuchsdienstkreis 😊

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 13.06.2020

Auf Facebook tauchte vor ein paar Tagen ein neues Spruchfoto auf. „Die Arbeit läuft nicht davon, wenn du einem Kind den Regenbogen zeigst. Aber der Regenbogen wartet nicht, bis du deine Arbeit beendet hast.“

Kinder sehen die Welt mit anderen Augen und es ist wunderbar, von ihnen zu lernen, auf die Dinge neu zu achten. Jeden Regenbogen wie ein Wunder und jeden Käfer wie ein Geschenk anzuschauen und zu staunen über die Vielfalt der Welt.

Und ich frage mich, wie oft wir bei unserer Arbeit in der Gemeinde das Staunen und Wundern zurückstellen, weil wir so viel anderes zu tun haben. Wie oft mag Gott uns schon ein Wundergeschenk in den Weg gestellt haben, das wir wegen einer wichtigen Sitzung achtlos weggeschoben haben? Achtsamkeit mal ganz anders 😊

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 14.06.2020

So langsam fühlen sich ein paar Dinge schon wieder ganz gut an. Wir haben unsere Kinder mal wieder gesehen – ohne Laptop dazwischen.  Eine Fahrradtour ist gemacht und etwas anderes als Lebensmittel haben wir auch wieder eingekauft. An die Masken haben wir uns widerwillig gewöhnt, Desinfektionsmittel, Nudeln und Toilettenpapier sind wieder zu haben.

Gottesdienste sind auch wieder zu haben. Bei uns allerdings noch nicht. Irgendwie unwürdig, wie da alle so vereinzelt sitzen, unkenntlich gemacht und in Angst vor Ansteckung, weil doch gerade Gottesdienste zuletzt zur Brutstätte von Superspreadern wurden. Also weiter mit digitalen Angeboten – geht ja auch noch eine Weile.

Aber eine Sache geht echt richtig schlecht: ich liebe es im Gottesdienst mit anderen gemeinsam zu singen. Und das können weder die Balkonmusik, noch der Vortragsgesang noch die gelesenen Liedstrophen zur Orgelbegleitung noch die liebevoll inszenierten Trostlieder im Internet ersetzen.

Ich möchte wieder singen! Im Chor oder der Gemeinde, mit Orgel- oder Klavierbegleitung.

Liebe Kirchenmusiker*innen: könntet ihr nicht ein Karaokeprogramm erfinden mit Lieblingskirchenliedern – alten und neuen – die wir dann zuhause losschmettern können? Das wäre doch sicher auch für die Stimmbildung wichtig, damit unser Gemeindegesang nicht einrostet😉

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 11.06.2020

Ab und zu leihe ich mir für Gebete oder Impulse oder Grußkarten Worte anderer. Es gibt einfach Formulierungen, die verlieren an Kraft, wenn man an ihnen herumbastelt.

So eine Formulierung hat, finde ich, die Autorin Tina Willms für ihr Buch über die Jahreslosung 2020 gefunden. Und sie spricht damit all diejenigen an, die sich ernsthaft mit ihrem Glauben auseinandersetzen und sich hinterfragen. Ihr Buchtitel zur Jahreslosung und den Monatssprüchen lautet: „Im Glauben: Zweifel. Im Zweifel: Glauben“. Ein Eingeständnis, dass zum Glauben der Zweifel gehört. Wie entlastend! Ich muss nicht immer überzeugt und mit gedachtem Heiligenschein durchs Leben schweben. Wenn mir das Leben Steine in den Weg wirft, dann darf ich auch an einem guten Hirten zweifeln. Wenn sich Probleme und Sorgen auftürmen, dann ist es okay, wenn mir kein Loblied mehr einfällt.

Aber umgekehrt gilt es auch: Wenn ich hadere mit den Steinen, die den Weg versperren, wenn ich Gott sage, wie ich gerade drauf bin und dass er mir sehr weit weg zu sein scheint, dann ist auch das Glauben.

Ambivalenzen sind schwer auszuhalten. Aber oberflächliche Trostworte wie „Gott hat dich trotzdem lieb“ sind in einer echten Krise noch viel schwerer auszuhalten.

 

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 10.06.2020

Meine liebe Schwägerin erzählte mir von einem Spruch, den ihr jemand geschickt hatte (leider konnten wir den Urheber nicht herausfinden). Wir hatten uns über Politik unterhalten, über Verschwörungstheorien und die Stimmung in der Bevölkerung. Dabei fiel ihr dieser Spruch ein: „Der Kluge sucht nach Lösungen, der Dumme nur nach Schuldigen.“ Nun lässt sich dieser Satz auf ziemlich viel anwenden. Aber statt auf andere zu schauen, wäre es wichtig, dass wir bei uns bleiben und selbst lieber die Lösungen suchen. Bin gespannt, worauf das heute passen könnte😉

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 09.06.2020

Kennt Ihr die Eifel-Krimis von Jaques Berndorf? Habe gerade das Hörbuch „Eifel-Gold“ zu Ende gehört und war total überrascht über die letzte Wendung (ich muss jetzt mal spoilern 😉).

Auf völlig unauffällige Weise und ohne Tote und Verletzte wird ein Geldtransporter überfallen und mit 18 Millionen geklaut. Bundeskriminalamt, Lokalpolizei, Privatermittler, Politiker, Journalisten und viele Dorfbewohner suchen nach Geld, Transporter und Tätern, allerdings erfolglos. Am Ende wird die Tat dem organisierten Verbrechen in die Schuhe geschoben.

Der Leser/Hörer erfährt aber die Geschichte hinter der Geschichte. Die Täter gab es durchaus, drei Eifelbauern, die sich um ihre Heimat sorgen und unter den Restriktionen für die Landwirtschaft leiden, die in den 90er Jahren aktuell waren. Dass sie nicht entdeckt wurden, lag an einem kleinen, aber überraschenden Detail: sie nahmen das Geld nicht für sich, sondern bewahrten es auf und verschenkten es nach und nach anonym an Projekte, die ihnen am Herzen lagen. Da war eine Baumaßnahme für einen Kindergarten dabei, ein Landwirt mit kaputtem Mähdrescher, ein Krankenpflegeprogramm u.s.w.

Natürlich rechtfertigt die gute Tat immer noch nicht das Klauen fremden Geldes, aber die feinsinnig erzählte Geschichte zeigt, dass wir manchmal das Böse, das Ungerechte, das moralisch Falsche für das Normale halten.

Wie schön wäre es, wenn wir alle miteinander wieder lernen könnten, dass das Gute normal ist, das, was anderen hilft und allen ein gutes Leben ermöglicht.

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 08.06.2020

Es gibt Worte, die bei Facebook und Co. geteilt werden, die muss man kommentieren und ihnen etwas entgegensetzen. Es gibt aber auch Worte, denen muss man nichts hinzufügen.

 

Je reicher wir geworden sind,

desto mehr sind wir moralisch 

und geistig verarmt.

 

Wir haben gelernt,

wie die Vögel zu fliegen und

wie die Fische zu schwimmen.

 

Aber die einfache Kunst,

wie Geschwister zusammenzuleben,

haben wir noch nicht erlernt.

 

(Martin Luther King)

 
Foto:
Martin Luther King.  Bild:  Hugo van Gelderen / Anefo (gemeinfrei - Wikimedia Commons)

 

„Was Pfarrer gerade so machen“ 

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 07.06.2020 

Ich bin jetzt nicht so der Mathe-Freak, aber ein bisschen was habe ich doch verstanden. Zum Beispiel, dass eine Länge von 1,50 m bei mir genauso lang ist wie bei einem anderen Menschen. Dachte ich zumindest immer. Aber ganz offensichtlich stimmt das überhaupt nicht. Meine 1,50 m sind nämlich länger als die vieler anderer Menschen im Supermarkt, im Gartencenter oder bei der Post. 

Es wird schon wieder rücksichtslos gedrängelt und geschoben. Corona ist doch weg und die Maske hält ab, falls doch noch ein vorwitziges Aerosol herumtoben sollte. 

Nun war Mathe nicht so mein Ding, aber lesen kann ich ziemlich gut. Auch die Veröffentlichungen der Virologen und die sind da ganz anderer Meinung. Da ich weniger Ahnung von Viren habe als die, bin ich bereit, deren Vorsichtsmaßnahmen erstmal zu folgen. Und die lauten: Mindestabstand von 1,50 m. Und zwar die 1,50 m, die auf dem Maßband stehen, nicht die gefühlten 1,50 m. 

Neulich kam ich am Spielplatz vorbei. Ein Kind war schon auf dem Klettergerüst, ein anderes wollte gerade hinaufklettern. Das Kind oben rief: „Ey, bist du doof? Du musst Abstand halten“. Die Kinder waren höchstens 8, hatten aber alles verstanden (an „ey, bist du doof“ kann man ja noch arbeiten 😉). 

Und wer will schon doof sein? 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

Von Pfarrerin Annette Cersovsky, 06.06.2020

Über Geld denken wir ganz schön oft nach. Ist ja auch logisch, denn Geld brauchen wir alle: Privat für den täglichen Bedarf, aber auch für Wohnung, Versicherungen, Medikamente, Hobbys, Ausbildung und vieles mehr. Von dem Geld, das wir anderen bezahlen, leben die anderen. Wenn das Geld knapp wird in Zeiten von Wirtschaftskrisen oder weil man arbeitslos geworden ist oder weil irgendwelche Lebensumstände einen in eine prekäre Situation gebracht haben, dann ist Geld manchmal ein so bestimmendes Thema, dass nichts anderes daneben Platz hat. Über Geld nicht zu sprechen, kann sich in der Regel nur der leisten, der genug davon hat.

Einen interessanten neuen Blickwinkel auf das Geld habe ich kürzlich bei Benjamin Franklin gefunden. Der war Politiker in den USA im 18. Jahrhundert und stellte sich die Frage, welchen Stellenwert man dem Geld zumisst. Wahrscheinlich hatte er eine sehr konkrete politische Situation vor Augen, als er folgenden Satz sagte: „Wer der Meinung ist, dass man für Geld alles haben kann, gerät leicht in den Verdacht, dass er für Geld alles zu tun bereit ist.“ Wir wissen alle, dass man ohne Geld schlecht klarkommt. Aber wir wissen ja auch alle, dass Geld alleine tatsächlich nicht auf Dauer glücklich macht. Wir brauchen wohl einen guten Umgang mit dem Geld, mit unserem eigenen, aber auch als Kommune, als Bundesland, als Staat, damit wir nicht maßlos werden, uns nicht von falschen Versprechen kaufen lassen und die nicht aus dem Blick verlieren, die es sich nicht leisten können, über Geld nicht zu sprechen.

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 05.06.2020

„Pfarrer bestimmen immer alles in der Gemeinde“ – habt Ihr das auch schonmal gedacht?

Falls Ihr das mal so erlebt habt, ist das sehr schade. Denn eigentlich war das mal ganz anders gedacht. Paulus hat im 12. Kapitel des Korintherbriefs darüber geschrieben, wie er sich Gemeinde vorstellt: wie einen Körper, bei dem alles miteinander zusammenhängt und wo alles gebraucht wird, nichts unwichtig ist.

Die Gestalt unserer Gemeinden soll das abbilden. Und deshalb darf eben nicht der Pfarrer bestimmen, wo es lang geht.

Heute tagt die Synode unseres Kirchenkreises. Synode – das ist die Versammlung der Beauftragten aller Gemeinden eines Kirchenkreises. Und die entscheiden gemeinsam per Abstimmung. Heute zum Beispiel wird eine neue Superintendentin oder ein neuer Superintendent gewählt. Aber es geht auch um Finanzen, Personal und Planungen für die Zukunft.

Wenn Ihr schonmal dachtet, dass die Beauftragten das nicht in Eurem Sinne machen, dann habe ich hier einen schönen Vorschlag. Beauftragter wird man nämlich so: man engagiert sich in seiner Kirchengemeinden für den Bereich, der einen interessiert (Kinder und Jugend, Gottesdienst, Finanzen, Öffentlichkeitsarbeit, Gebäude, Musik etc.). Dann lässt man sich fürs Presbyterium aufstellen. Das ist die Versammlung der Beauftragten einer Gemeinde. Die bestimmt dann aus ihrem Kreis die Beauftragten für die Kreissynode. Jede Gemeinde bespricht vor den Synoden, was sie zur Tagesordnung wichtig findet und die Beauftragten vertreten dann in der Versammlung ihre Gemeinde. Natürlich wird auch diskutiert, manchmal gestritten, aber meistens nach einer konstruktiven Lösung gesucht.

Na, Lust bekommen? Dann los! Ab Herbst 2023 gehen wir wieder auf Suche nach neuen Presbyteriumsmitgliedern. Also noch viel Zeit, um sich das durch den Kopf gehen zu lassen 😉

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 04.06.2020

„Zurück zur Normalität“ – ich kann das nicht mehr hören. Ich denke auch, es hilft nichts, wenn wir das wie ein Mantra ständig wiederholen. Im Herzen wissen wir doch längst, dass sich nicht so schnell wieder Normalität einstellen wird. Die neue Normalität trägt Maske und ein Fläschchen Desinfektionsmittel in der Tasche und hinterlässt überall Name, Adresse und Telefonnummer. Alles drei Dinge, die uns in der alten Normalität nicht in den Sinn gekommen wären.

Noch habe ich aber die Hoffnung nicht aufgegeben, dass wir mit unseren Gemeindeveranstaltungen, mit Gottesdiensten und Seelsorge nicht einfach wieder zur alten Normalität zurückkehren, nur eben mit Maske, Fläschchen, Liste. Noch hoffe ich, dass es gelingt, umzusetzen, was wir in Krisenzeiten gelernt haben: Sprache zu überdenken, mutiger und offener und gelassener zu werden, auch wenn nicht alles immer sofort gut gelingt, viele Menschen beteiligen, weil die Weisheit aller mehr ist, als die Summe unserer Teilweisheiten. Aber da sind die Bedenkenträger (und manchmal sind wir auch selbst einer). Was könnte nicht alles schief gehen, wenn wir dies oder jenes machen? 

In meinem Arbeitszimmer hängt jetzt eine Spruchkarte: Verbringe die Zeit nicht mit der Suche nach einem Hindernis. Vielleicht ist ja keines da. (Franz Kafka)

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 03.06.2020

Ich liebe es, alles zu organisieren. Egal, ob es um die Arbeit, den Haushalt, Einkaufslisten, Putzpläne oder Hobbys geht. Es macht mir einfach Spaß zu planen. 

Jetzt allerdings nicht mehr. Gerade las ich in einer Kolumne ein Zitat von Blaise Pascal: „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähle ihm von deinen Plänen.“ Ich befürchte, dass das nicht nett gemeint ist im Bezug auf meine Planerei. Pascal war Mathematiker und Physiker, also eigentlich ein Mensch, dem das Planen liegen müsste. Andererseits lebte er im 17. Jahrhundert. Er wird wohl ziemlich oft erlebt haben, dass das Leben nicht so gut zu berechnen ist, wie eine Kalkulation. Es macht gelegentlich, was es will. Habe ich dieses Jahr auch schon mehrfach festgestellt: der diesjährige Bibeldialog in Berlin musste wegen eines schlimmen Sturms überstürzt abgebrochen werden, damit wir alle noch nach Hause kamen; der Wanderurlaub in Südtirol fiel Corona zum Opfer; mein Lieblingshobby kann ich wohl auf lange Sicht abschreiben. Dabei hatte ich doch alles so schön geplant.

„Der Mensch denkt über vieles nach und macht seine Pläne, das letzte Wort aber hat der Herr.“ So heißt ein Sprichwort im Buch der Sprüche. Bei uns wurde daraus „der Mensch denkt, aber Gott lenkt“. Ziemlich frustrierend, finde ich. Hatte Gott Sturm und Corona auf seinem Plan? Das will ich doch nicht hoffen. Aber vielleicht ist es so auch gar nicht gemeint. Wir können ruhig planen, meistens gehen die Pläne ja auch auf. Aber wenn sie einmal nicht aufgehen, dann ist in den allermeisten Fällen das Leben trotzdem noch lebenswert und wir können Ausschau nach anderen Möglichkeiten halten. Auf jeden Fall die bessere Strategie, als zu jammern, was dieses Jahr alles nicht geht. Und wer weiß, vielleicht kommt ja ungeplant etwas ganz und gar überraschend Neues auf uns zu!

„Was Pfarrer gerade so machen“
 
von Pfarrerin Annette Cersovsky, 02.06.2020
Ich bin verwirrt! Waren nicht Trump und Twitter best buddies? Der eine zwitscherte und der andere sorgte dafür, dass alle schrägen Vögel das Gezwitscher mitbekamen. Was ist da passiert mit den ziemlich besten Freunden?
Es scheint, als sei die Wahrheit passiert. Dabei ist das doch das, was man von Freunden erwartet: dass sie einem die Wahrheit sagen und warnen, wenn man sich verrannt hat. Freunde nehmen einem das Smartphone weg, wenn man total wütend dem Liebsten eine Nachricht schicken will. Und Freunde wenden sich auch schonmal ab, wenn es ihnen zu viel wird. Normalerweise würde man dann am nächsten Tag anrufen oder mit Cupcakes vor der Tür stehen, sich entschuldigen und über alles in Ruhe reden.
Man kann aber auch die Zwitscherfirma dicht machen wollen. Das ist einfacher, als selbst einen Fehler einzugestehen.
Aber das Ding mit der Zwitscherfirma wirkt ganz harmlos, wenn man die aktuellen Nachrichten verfolgt: mit der Bibel in den Kampf gegen ……ja, wen eigentlich?
Die liberalen Kirchen der USA wehren sich gegen derartigen Missbrauch – zu Recht! Meine Unterstützung haben sie. Wer jetzt schweigt, macht mit. Denn wenn man die Bibel nicht nur in die Kamera hält, sondern aufschlägt, dann findet man zum Beispiel diese Ermutigung: „Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ (2. Timotheus 1,7) Kraft zum Handeln, Liebe, die niemanden ausschließt, und Besonnenheit, um mit Verstand und Klugheit auf Situationen zu reagieren.


„Was Pfarrer gerade so machen“
 
von Pfarrerin Annette Cersovsky, 01.06.2020
Jedes Jahr reisen Jugendgruppen aus aller Welt über Pfingsten nach Taizé. Die Pfingsttreffen in der Kommunität sind legendär und inspirieren (nicht nur) junge Leute, etwas von dem Geist, der in Taizé seltsam greifbar ist, mit nach Hause zu nehmen.
In diesem Jahr ist auch in Burgund alles anders und das Pfingsttreffen findet digital statt. Sicher ist das kein Ersatz für das gemeinsame Singen und Beten im großen Zelt, für Bibellesen und Diskutieren an der Quelle im Wald oder das fröhliche Gequatsche beim Vorbereiten des Mittagessens, wenn alle mit anpacken.
Andererseits ist die digitale Variante eine relativ einfache Möglichkeit, ein bisschen Taizé nach Hause zu holen. Die Brüder von Taizé stellen jeden Tag ihre Abendandacht ins Netz. Ich finde, das ist auch digital sehr schön. Wenn Ihr da mal reinschauen wollt: www.taize.fr  und dann auf Abendandacht klicken. Vielleicht treffen wir uns da😉
 


„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 30.05.2020

Wenn ich mit jemandem über seinen Glauben ins Gespräch komme, dann sind es manchmal ganz praktische Fragen, die einen Menschen bewegen: Woran merke ich eigentlich, dass ich glaube? Müsste ich nicht irgendwie anders sein? Besser womöglich?

Ich habe keine allgemeingültigen Antworten auf diese Fragen. Ich denke, der persönliche Glaube ist nichts, was man „hat“, sondern was sich entwickelt, indem man sein Leben lebt. Manchmal wird er kaum eine Rolle spielen, dann wieder eine Entscheidung grundlegend beeinflussen, dann vielleicht einen neuen Gedanken produzieren. Morgen ist Pfingsten – vielleicht könnte man sagen, dass es der Geist Gottes ist, der uns Glauben schenkt (nur leider nicht auf Vorrat).

Heute fand ich zu diesen Gedanken folgende Zeilen eines, leider unbekannten, Verfassers:

Ich suchte meinen Glauben

und fand ihn nicht.

Ich suchte meinen Gott

und fand ihn nicht.

Ich suchte meinen Nächsten

und fand alle drei.

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 29.05.2020

Habt ihr den Youtube Clip „Männerwelten“ gesehen? Ein Projekt von Joko Winterscheidt und Klaas Heufer Umlauf, in dem sie den Zuschauer durch eine Ausstellung führen lassen. Ausgestellt sind Berichte von Frauen über Übergriffe, peinliche Fotos, die ihnen zugeschickt wurden, beleidigende Kommentare im Internet und vieles mehr. In Corona-Zeiten sollte dieses Thema nicht hinten runterfallen, fanden die beiden Macher. Sie ernteten viel Lob für ihre Aktion, aber auch Kritik. Auf ein Problem hinzuweisen, führe noch nicht zu seiner Lösung, schrieb eine Journalistin. Ja, das sehe ich auch so. Aber nicht auf ein Problem hinzuweisen, führt auch nicht zu seiner Lösung. 

Am erschreckendsten an diesem Beitrag war für mich die Erkenntnis, an wieviel Hate Speech und Alltagschauvinismus wir uns längst gewöhnt haben.

Aber gefragt sind nun tatsächlich alle: sich nichts gefallen lassen, aber dabei Maß halten und nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, auf seine Sprache achten und vielleicht auch mal korrigieren, öffentlich dagegen sein, wenn andere verspottet oder angemacht werden – das wird eine spannende Reise durch eine neue Sprachkultur und ein neues Aufeinanderachtgeben. Klingt wie gemacht für eine Reise in Corona-Zeiten! 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 28.05.2020

Beim Sportunterricht in der Schule gehörte ich zu denen, die erst sehr spät in eine Mannschaft gewählt wurden, für die es ein schlechter Tag war, wenn Schwimmen auf dem Stundenplan stand und die prinzipiell nicht mit Anlauf über einen Kasten springen konnten. Glücklicherweise war ich mit diesem Problem nicht alleine, so dass ich die Schulzeit relativ unbeschadet überstanden und heute Sportarten für mich entdeckt habe, die sehr viel Spaß machen und mein Leben bereichern.

Was mich immer richtig geärgert hat, waren die Vergleiche mit der Besten im Sport. Schau mal, die XY schafft das doch auch! Die XY schaffte alles. Die XY war nämlich Stadtmeisterin in Leichtathletik und insofern für mich keine Option.

Jetzt habe ich im Kolosserbrief einen Vers entdeckt, der nahelegt, dass wir uns selbst mit dem Besten vergleichen sollen. Och nö, bitte nicht, dachte ich. „Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!“ (Kolosser 3,13) 

Ich stelle mir sehr gerne vor, dass Gott mir vergibt, wenn ich einen Tag lang missgelaunt, streitsüchtig und launisch war. Aber wenn mir ein anderer missgelaunt, streitsüchtig und launisch begegnet, dann sehe ich das doch überhaupt nicht ein. Kann ich doch nichts für, wenn er oder sie gerade keinen Lauf hat. Sollen die mich doch damit in Ruhe lassen. Man kann doch nicht für alles immer Verständnis haben. Es sei denn, man wäre Gott. Bin ich aber nicht. Wie also soll das gehen?

Das Geheimnis steckt wohl in einem Wort: euch. Weil uns alles vergeben ist, sollten wir doch eigentlich wissen, wie schön sich das anfühlt. Dann müssten wir doch auch in der Lage sein, den ersten Schritt zu gehen oder nicht jeden Fehler aufzurechnen und eine neue Chance einzuräumen. Ganz schön schwer manchmal! 

P.S. XY aus meiner Schule war übrigens richtig nett und konnte nichts dafür, dass sie uns immer als perfektes Vorbild hingestellt wurde 😉

„Was Pfarrer gerade so machen“

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 27.05.2020
Kennt ihr die Geschichte von Zachäus? Er war Zolleintreiber, arbeitete für die Römer und war logischerweise nicht sonderlich beliebt. Vor allem deshalb nicht, weil allgemein bekannt war, dass er nebenbei auch für sich selbst ein nettes Sümmchen beiseitegeschafft hatte.
Im Lukasevangelium wird erzählt, wie Zachäus und Jesus einander begegnen. Zachäus ist inzwischen ein reicher Mann. Aber im Gespräch muss er zugeben, dass ihn sein Geld nicht wirklich reich gemacht hat. Er hat nämlich keine Freunde mehr, niemanden, dem er am Herzen liegt, für den er wichtig ist. Nach der Begegnung beschließt er, das Geld zurückzugeben, das er unrechtmäßig einkassiert hatte. Hoffentlich wurde seine Geste bemerkt und trug dazu bei, dass er wieder mit anderen Menschen in Kontakt kam.
Mir stellt sich die Frage, warum wir immer erst in der Rückschau auf unser Leben fragen, was uns reich gemacht hat. Meist fallen die Antworten doch ganz ähnlich aus: Familie, Freunde, ein erfüllender Beruf, Interessen, sinnvoll gestaltete Zeit, schöne Erlebnisse und Erfahrungen machen uns wirklich reich. Es wäre doch eigentlich klug, aus der Erfahrung des Zachäus zu lernen und vor einschneidenden Veränderungen, die wir vornehmen wollen, zu fragen, ob sie uns reich machen werden? Werden sie uns neue Kontakte bescheren? Werden sie uns Horizonte öffnen? Werden uns Erfahrungen  ein bisschen weise werden lassen? Werden wir Spaß haben? Etwas Neues lernen? Einen Menschen glücklich machen? Ich denke, Kuchen für Freunde backen bekommt dann einen ebenso hohen Stellenwert wie Aktien verkaufen 😉

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

Von Pfarrerin Annette Cersovsky, 26.05.2020

Am kommenden Wochenende wollen wir in unserer Gemeinde beraten, wie es mit den Gottesdiensten weitergeht: Präsenz oder Online oder beides? In diese Überlegungen mischt sich nun die Berichterstattung über die Corona-Infizierten in einer Frankfurter Baptistengemeinde. Alle Regeln seien beachtet worden, man habe die Hygienekonzepte befolgt, sagen die einen. Die Gemeinde stelle sich schon seit Wochen gegen die angeordneten Maßnahmen und mache, was sie wolle. Wer an Gott glaube, würde nicht an Corona erkranken, so wäre ihre erklärte Haltung, sagen die anderen.

Ich habe keine Ahnung, was stimmt. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass dem Virus völlig egal ist, wer an wen oder was glaubt. Das Virus braucht einfach einen Wirt und macht keine Unterschiede (das einzig positive Merkmal an diesem Teil). 

Aber der Vorgang in Frankfurt zeigt doch auch, dass jederzeit, ob unvorsichtig oder nicht, überall wieder ein Hotspot auftreten kann. Ich möchte auf keinen Fall, dass das in unserer Gemeinde geschieht. Selbst wenn alle im Gottesdienst Masken tragen, nicht singen und Abstand halten, kann niemand garantieren, dass nicht doch ein Virus den Weg durch alle Barrieren findet. 

Lasst uns doch lieber die Online-Gottesdienste noch etwas optimieren, mehr Lieder zum Mitsingen einbauen, mehr thematische Abwechslung, Feilen an der Gottesdienstsprache, verschiedene Kameraeinstellungen – noch ist doch Luft nach oben und die Besucherzahlen der Onlinegottesdienste sind erfreulich hoch.

Einkaufen im Supermarkt muss sein – da gib es wenig Alternativen. Beim Gottesdienst schon! Ist ja nicht für immer 😊

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Annette Cersovsky, 25.05.2020

Wisst Ihr, was mir wirklich sehr fehlt in diesen Corona-Kontaktbeschränkungs-Gemeindezeiten? Ich stelle jede Woche mehr fest, wie sehr Gottesdienste und Andachten vom Austausch mit anderen leben. Normalerweise habe ich in einer Woche eine Vielzahl ganz unterschiedlicher persönlicher Kontakte. Man spricht über dies oder jenes und plötzlich entsteht eine Verbindung zum Predigttext des kommenden Sonntags oder eine Idee für die nächste Andacht im Seniorenkreis oder für die Konfistunde. 

In besonderer Weise geschieht das in unserem Kreis „GBB“. Ursprünglich ist das die Abkürzung für Gespräche über Glaube Bibel Bekenntnis. Ich werde den jetzt umbenennen in Gemeinde Bedenkt Bibeltexte. Hoffentlich sehe ich Euch ganz bald wieder😉

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 24.05.2020

In einem wissenschaftlichen Vortrag über das Verhältnis von Naturwissenschaft und Theologie tauchte immer wieder ein Terminus auf, der mir noch nachgeht. „God of the Gaps“ – eine Form des Gottesbeweises, wie einige meinen. Überall dort, wo wissenschaftliche Beweise nicht gelingen, da ist Gott zu finden. Das würde dann aber bedeuten, dass Gottes Bereich immer kleiner würde, weil wir immer mehr Wissen anhäufen. Es würde auch bedeuten, dass Gott jenseits von Verstehbarem seinen Ort hat. Mir wäre ein God of the Gaps nicht genug. Ich würde dann versuchen, die Lücken mit Wissenschaft zu füllen. Was mich aber viel mehr interessiert, ist die Erkenntnis, dass immer mehr Wissen der Menschheit immer mehr Fragen nach sich zieht. Die Menge der Antworten schließt also keine Lücken, sondern schafft nur neue. Die Lücken werden wir vielleicht irgendwann mit Wissenschaft gefüllt haben, aber werden wir jemals das ganze Bild der Welt und der Menschheit sehen können?

Paulus machte sich diese Gedanken schon im 1. Jahrhundert und verneint die Frage. Auf unserer Seite des Lebens sehen wir wie durch einen Spiegel ein dunkles Bild und können nur Bruchstücke erkennen. Erst auf der anderen Seite des Lebens wird sich das vollständige Bild zeigen.

Ich finde das nicht schlimm. Mich fasziniert Wissenschaft und ich liebe es zu entdecken, wie alles zusammenhängt. Aber ich kann auch damit leben, dass es immer neue Rätsel gibt. Eines Tages werden sie gelöst sein.

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 23.05.2020

Erinnert Ihr Euch noch ans Balkonsingen? Musizieren oder Singen vom eigenen Balkon oder dem geöffneten Fenster aus? „Der Mond ist aufgegangen“, damit fing es an, aber bei einigen wurden ganze Konzerte daraus. Unser Balkonmusiker, Salvatore Vicari, ist einer der wenigen Musiker, der ganz treu bei dieser schönen Aktion geblieben ist und immer noch Abend für Abend mit seinem Saxofon auf der Terrasse steht und ein abwechslungsreiches Programm spielt. Kirchenlieder, Jazz, Volkslieder, Improvisationen, Musicalstücke, Popsongs – alles dabei. Und – ganz wichtig – ein fester Termin im Tagesablauf der benachbarten Altenheimbewohner. Heute gilt mein ganz besonderer Dank Salvatore!!!!!! (Ich höre Deine Musik jeden Abend im Garten und freue mich darauf!!!!!)

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 22.05.2020

Gestern las ich ein Interview mit der Überschrift „Was eine Kassiererin wirklich denkt“. Eine ganze Reihe von Interviews beschäftigte sich mit Menschen, die während der Corona-Krise in besonderer Weise gefordert waren und fragte sie, wie sie im Rückblick darüber denken. Eine Frau, Kassiererin in einem Supermarkt, beschrieb ihren ganz normalen Arbeitsalltag während der letzten Wochen. Sie erzählte von den Anfeindungen, denen sie ausgesetzt war, wenn sie Kunden bitten musste, nicht drei Pakete Toilettenpapier zu kaufen, sondern nur eines, damit andere auch noch etwas haben. Sie beschrieb, wie ihr die Tränen kamen, als sie alte Menschen vor leeren Regalen stehen sah. Die hatten sich auf den mühsamen Weg zum Einkauf gemacht und mussten nun unverrichteter Dinge wieder nach Hause gehen. Diese Situation hat sich inzwischen etwas entspannt, aber nun gibt es neue Konfliktthemen: unbelehrbare Kunden, die partout keinen Abstand halten wollen und ihre Maske demonstrativ absetzen, weil „die Regierung unsere Grundrechte mit Füßen tritt“. Die Kassiererin erzählte, wie schwer es ihr manchmal fällt, dann die Ruhe zu bewahren, sachlich zu argumentieren und freundlich zu bleiben. Auf die Frage, was sie sich für die Zukunft wünscht, war ihre Antwort kurz und klar: Mehr Respekt und eine angemessene Bezahlung. Sollte doch möglich sein, oder?

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 21.05.2020
Vatertag – in sämtlichen Medien wurde die bange Frage diskutiert, wie es in diesem Jahr mit Bier und Bollerwagen laufen soll. Ich würde sagen, genauso, wie mit dem Himmelfahrtstag – nämlich anders als sonst. Bei uns läuft der Open Air Familiengottesdienst im Netz, so wie alle Gottesdienste im Mai in unseren Kirchen.
Aber eines ist so wie jedes Jahr: die Frage, was es mit diesem Feiertag eigentlich auf sich hat. Meine Lieblingsantwort auf diese schwierige Frage hat ein Kind anlässlich der Beerdigung seiner Großmutter gegeben. „Jesus musste mit dem Wolkenaufzug nach Hause fahren, damit er bei meiner Oma sein kann, wenn sie da ankommt.“ Die Sache mit dem Wolkenaufzug kann ich mir auch nicht erklären, aber dass Jesus nicht mehr nur auf eine kleine Region begrenzt bleibt, sondern an einem, für uns unverfügbaren,  Ort für alle Menschen da ist, das leuchtet mir sehr ein.
Bei Netflix läuft gerade eine ziemlich umstrittene Serie, die sich mit der Frage beschäftigt, wie wir heute mit Jesus umgehen würden, wenn er an einem Ort der Welt auftreten würde und Dinge täte, wie Jesus sie getan hat. In „Messiah“ kommt ziemlich schnell heraus, dass sich Geheimdienste, Diktatoren, religiöse Fundamentalisten, Wissenschaftler und Forschungsinstitute darum reißen, den Mann festzusetzen und für die eigenen Ziele einzuspannen. Es sind immer die Kinder, die die Erwachsenen dann mahnen, doch einfach erstmal zuzuhören, was der Mann zu sagen hat.

Unsere Motivation

Unsere Arbeit ist unsere Leidenschaft und ein positiver Antrieb für jeden neuen Tag. Sie bringt uns dazu, Herausforderung als Chance zu verstehen und neue Ziele zu erreichen.

„Was Pfarrer gerade so machen“
 
von Pfarrerin Annette Cersovsky, 20.05.2020
Im Buch der Sprüche im Alten Testament sind, wie der Name schon vermuten lässt, Sprüche gesammelt. Ganz unterschiedliche Lebensweisheiten und Verhaltensregeln und Empfehlungen, darunter auch solche, die bei uns zu Sprichwörtern geworden sind. „Wer anderen eine Grube gräbt, der fällt selbst hinein“ – das geht beispielsweise auf Sprüche 26,27 zurück.
Die heutige Tageslosung kommt auch aus dem Buch der Sprüche: „Der Gerechte erkennt die Sache der Armen.“ (Sprüche 29,7) Noch viel schärfer formuliert das hebräische Original: Gerecht ist, wer um die Rechtssache der Armen weiß. Für mich ist das heute die Antwort auf die Frage danach, was gerecht ist. Gerecht ist ein System dann, wenn auch für den Schwächsten das Recht gilt. Soweit klar, aber der Zusatz präzisiert es dann noch einmal: Gerecht ist ein System dann, wenn alle im System um das Recht der Schwächsten wissen. Nur wer sieht und erkennt, kann auch einen Missstand beheben. Weiß ich um das Recht des Schwächsten, der mir heute begegnet? Werde mit dieser Frage durch den Tag gehen 😊


„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 14.05.2020

Zurück zur Normalität – jeden Abend höre ich es in irgendeinem Nachrichtenbeitrag, ich lese es, Leute sagen es. Aber wollen wir das wirklich?

Normal war, zu einer Tagung morgens nach London zu fliegen und abends zurück. Normal war, dass 30 Leute mit 25 Autos zu einer zweistündigen Sitzung fuhren. Normal war, dass keiner auf den Senior im Erdgeschoß achtete, weil man selber so viel zu tun hatte. Normal war, dass wir uns keine Gedanken machen mussten, ob unser Handeln in Frage zu stellen sei. Normal war, zu wissen, dass man nichts ändern kann, weil die Dinge so sind, wie sie sind. Aber wir könnten uns auch für eine neue Form der Normalität entscheiden, wenn wir wollten.

„Wo kämen wir hin, wenn jeder sagte „Wo kämen wir hin?“ und keiner ginge, zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen.“ (Kurt Marti)

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 18.05.2020

„Der liebe Gott sieht alles!“ In vielen Familien findet sich mindestens ein Verwandter, der diesen Satz als pädagogische Hilfe verstand und gerne den Kindern damit drohte, wenn sie irgendwas Verbotenes getan hatten. Allerdings war den meisten Kindern ziemlich schnell klar, dass es nicht Gott war, der danach Hausarrest oder Fernsehverbot verhängte.

Ärgerlich finde ich, dass durch diesen, überhaupt nicht pädagogisch wertvollen, Satz ein falsches Bild von Gott aufgebaut wird. So als wäre er ein miesepetriger Big Brother, der nur darauf wartet, dass wir über unsere eigenen Ansprüche stolpern und Fehler machen.

Mir gefällt viel besser ein Ausspruch des Kirchenvaters Augustin: „Gott hat sein Ohr an deinem Herzen.“ Gott weiß schon, was uns bedrückt, was uns glücklich macht oder in Angst und Schrecken versetzt. Bevor wir es denken und aussprechen können. Aber weil wir immer darauf warten, dass das Problem verschwindet, das uns gerade beschäftigt, hören wir nicht mehr auf die leisen Töne, die uns vielleicht auf andere Weise etwas schenken, um das Problem selbst zu lösen. Und wenn gar nichts hilft, dann ist es gut, dass wenigstens einer die allertiefsten Gedanken kennt – auch die, die wir niemals aussprechen würden.

Meine liebe Kollegin hat übrigens eine gute Antwort auf den Satz parat: Gott sieht alles – aber er petzt nicht! 😊

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 17.05.2020

Achtsamkeitsübungen sind gerade total in. Seminare gibt es dazu, massenweise Bücher zum Selbststudium oder Lifehacks auf Youtube. Alle haben eins zum Ziel: mehr Work-Life-Balance, wieder in den Flow kommen, chilliger werden.

Alles total richtig und wichtig, denn wir neigen wohl dazu, entweder ruhelos zu arbeiten oder in Trägheit zu verfallen. Die Balance zwischen beidem bewusst zu gestalten, ergibt also Sinn.

Aber, mal abgesehen von Begriffen wie „Work-Life-Balance“, „Lifehack“ oder „Flow“ ist die Achtsamkeitsübung so alt wie die Welt. Klingt nur nicht so cool 😊

In der Bibel gibt es zahlreiche Beispiele dafür, wie ein Gebet Veränderung bringt. Heute, am Sonntag, Rogate, geht es genau um die Frage, was Beten austrägt, was sich verändert und was es uns bringt.

Beten kann auch mal Gemeinschaftsaktion sein, zum Beispiel im Gottesdienst, aber ansonsten ist Beten etwas für das stille Kämmerlein. Denn wir sollen es nicht für die anderen tun, damit die sehen, wie achtsam wir sind. Wir sollen es für uns tun; innehalten im Tagesgeschäft und ausbreiten, was uns beschäftigt und zwar ganz ehrlich mit uns selbst, ohne Erwartung, dass sofort ein Wunder passiert, aber mit der Erwartung, dass einer hört und sich kümmert. 

Von dem Dichter Gerhard Tersteegen stammt ein schöner Satz zum Beten: Du Atem aus der ewigen Stille durchwehe sanft der Seele Grund.

Herr Tersteegen lebte im 18. Jahrhundert. Heute würde ich es so sagen: Öffne dich für Gedanken, die nicht aus dir selbst kommen und lass zu, dass sie dich verändern!

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 16.05.2020

Wir sollen alle einsichtig sein und im eigenen Interesse alle geltenden Regeln zur Eindämmung der Pandemie befolgen. So ähnlich war es diese Woche mehrfach wieder zu hören. Groß ist die Sorge, dass die Lockerungen, nach denen alle gerufen hatten, nun doch dazu führen könnten, dass sich niemand mehr an irgendetwas hält.

Wenn mir als Jugendliche einer gesagt hatte, ich solle einsichtig sein, dann hieß das soviel wie „du verstehst das noch nicht“ und „lass andere entscheiden, die das besser überblicken“.  Ist ja klar, dass ich dann alles andere als einsichtig war 😉

Aber nun bin ich über die Einsicht regelrecht gestolpert. Das Wort kommt in der Bibel vielfach vor, auch dort sollen Menschen einsichtig sein und Regeln befolgen. Martin Luther hat das Wort in diesem Kontext mehrfach eingebracht. Bei der Übersetzung eines Verses aus dem 1. Timotheusbrief fiel mir nun auf, dass das entsprechende griechische Wort aber noch viel mehr heißen kann. Es kann auch Scharfsinn bedeuten oder Verstand. Und schon bin ich gerne bereit einsichtig zu sein. Mit Scharfsinn die Corona-Lage erfassen, Verstand einschalten und Schutzmaßnahmen ergreifen, bis klar ist, was noch zu tun ist.

Manchmal sind es nur ein paar Buchstaben, die Haltung verändern 😊

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 15.05.2020

Das Virus ist gar nicht ansteckend! Die Politikerinnen und Politiker wollen uns nur Angst machen. Auch soll eine Weltregierung etabliert werden mit maximaler Kontrolle und Überwachung. Bill Gates hat das alles erfunden, damit er mehr Geld verdient.

Sorry, aber es fällt mir schwer, Euch Verschwörungstheoretiker ernst zu nehmen.

Dass ein Virus ansteckend ist, wissen wir schon lange. Eine Weltregierung – dass das jemand plant, würde ich gar nicht ausschließen, aber ich sehe da gerade keine akute Gefahr in Berlin oder Brüssel. Das Ringen um den richtigen Weg, und auch der Schlingerkurs, weil niemand so genau über das neue Virus Bescheid weiß, das zeigt doch, dass weniger ein Plan dahinter steht, als vielmehr tastende Schritte auf der Suche nach dem richtigen Weg. Wir sollten alle mal an die Luft und frische Gedanken durchs Hirn wehen lassen 😉.

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 14.05.2020

Nun hat es also auch uns erwischt. Eine unserer KiTas wurde geschlossen. Nachdem in der Familie eines Kindes ein Corona-Fall aufgetreten war, wurde jetzt auch das Kind positiv getestet. Unsere Gedanken sind zuallererst bei der betroffenen Familie. Wir hoffen, dass es allen weiterhin gut geht, dass sie die Erkrankung schnell überstehen und dass es bei den beiden bekannten Fällen bleibt.

Aber die ganze Sache macht mir auch Mut, was den Umgang mit schwierigen Situationen betrifft. Unser KiTa Team hat sehr besonnen reagiert und schnell alles getan, was zu tun ist. Die Behörden waren sofort vor Ort, alle notwendigen Schritte wurden eingeleitet, alle Eltern informiert, Tests veranlasst. Und das alles in ein paar Stunden nach Bekanntwerden des positiven Tests. Mein Dank gilt heute allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der KiTa: Wir sind sehr froh darüber, dass Ihr ausgerechnet in unserer Gemeinde Euren Dienst tut, dass Ihr neben Vorschriften und Verwaltungsaufgaben immer als erstes Kinder und Eltern im Blick habt und nicht einmal jetzt Euren Humor verloren habt 😊

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 13.05.2020

Vor unserer Kirchentür lag neulich ein Stein. Nicht irgendein Stein, sondern ein blau-weiß-gestreifter Stein. Den hatte jemand angemalt und mir kam sofort in den Sinn, dass das irgendwann mal modern war, Steine zu bemalen. Heute eher nicht mehr so. Aber heute ist das mit den Steinen auch eine ganz andere Geschichte, wie ich jetzt herausgefunden habe.

Auf der Rückseite „unseres“ Steins steht nämlich etwas: Remstein!

Nicht etwa ein unleserliches Remscheid, sondern wirklich „Remstein“. Das ist ein Hinweis auf eine Facebookgruppe und in die kann man ein Foto vom gefundenen Stein posten.

Die Idee kommt aus den USA und landete in Deutschland zunächst in Schleswig-Holstein. Dort bekam die Aktion den Namen „Elbstones“. Die Idee dahinter: anderen eine Freude machen – Kunst zum Mitmachen zu schaffen – in der Corona-Krise für Kinder ein Straßenspiel – durch die hochgeladenen Bilder Teil der Community werden und feststellen, wer da noch alles mitmacht – vielleicht Lust bekommen, selbst Steine zu bemalen. Übrigens: Remsteine heißen so, weil sie in Remscheid ausgelegt werden. Es gibt auch Wupperstones, Ittersteine u.s.w.

Coole Idee! Unser Remstein kommt also jetzt in die Facebookgruppe!

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 12.05.2020

Seit wir als Pfarrkollegen verstärkt digital unterwegs sind, fällt noch deutlicher als sonst auf, wie sehr „Kirchensprech“ dem Sprachgefühl der meisten Menschen entgegensteht. Oft sind es geprägte Formulierungen, die traditionell in bestimmten Zusammenhängen ausgesprochen wurden und die theologisch begründbar sind. Reden über „Gottes Gnade und Barmherzigkeit“ oder über „unendliche Liebe Gottes zu uns Menschen“ mögen zutreffen, aber sie wirken auf viele Menschen wie eine Fremdsprache. Einzelne Begriffe gehören übersetzt in heutige Sprache und Aussagen müssen biblisch begründet und verständlich sein, finde ich. Das fällt uns allen nicht immer leicht und gelingt wohl in mancher Predigt einfach mal gar nicht. Aber wir arbeiten daran 😉

Eine solche Formulierung allerdings ist mir ans Herz gewachsen: „…dass Frieden und Gerechtigkeit sich küssen.“ (Psalm 85,11)

Manche biblischen Bilder sind einfach nicht übertragbar. Wenn zwei sich küssen, dann ist da etwas zwischen ihnen. Anziehungskraft, Zuneigung, Liebe. Die beiden, die sich küssen, wollen nicht ohne einander sein. Liebe Politikerinnen und Politiker, Frieden und Gerechtigkeit können nicht ohne einander. Nur in friedlichen Zeiten können wir daran arbeiten, dass es gerecht zugeht. Aber wenn es an immer mehr Stellen gerecht zugeht, sinkt die Gefahr, dass uns der Frieden wegbricht. Ja, ich weiß, das klingt einfacher, als es in der Umsetzung ist. Aber ich habe die große Hoffnung, dass es möglich ist.

„Was Pfarrer gerade so machen“
 
von Pfarrerin Annette Cersovsky, 11.05.2020
Über die freiheitliche demokratische Grundordnung in unserem Land ist in den letzten Tagen viel diskutiert worden. Und das ist auch richtig so, finde ich, denn die Grundrechte, die wir in Deutschland haben, sollte wir niemals leichtfertig aufs Spiel setzen. Freie Meinungsäußerung, Religionsfreiheit und der Schutz des Lebens gehören dazu. Problematisch wird es, wenn die Zulassung des einen Rechts ein anderes beschränkt. Das Recht auf Religionsausübung, zum Beispiel in einem Gottesdienst, kann dann eingeschränkt werden, wenn die Gesundheit der Menschen dabei gefährdet werden könnte, so wie es jetzt in der Corona-Zeit geschehen ist. Deshalb betonen unsere Politiker regelmäßig die Verhältnismäßigkeit der Regelungen, denn alle getroffenen Maßnahmen müssen ständig überprüft und an den tatsächlichen Bedarf angepasst werden. Die wenigsten Menschen haben in Deutschland Sorge, dass die derzeitigen Beschränkungen ein Problem für die Zukunft werden könnten. Niemand beabsichtigt beispielsweise, das Recht auf freie Religionsausübung dauerhaft einzuschränken. Deshalb muss ich mich auch nicht aufregen, wenn die Gottesdienste vorerst mit Einschränkungen oder auch noch gar nicht wieder aufgenommen werden. Wichtig ist nur, dass sie wieder starten können, wenn die Umstände es zulassen.
Schwieriger ist es bei einem ganz anderen Thema, denke ich. Mit welchem Recht verbieten wir Seniorinnen und Senioren mit Nachdruck den Wocheneinkauf oder den Spaziergang im Stadtpark, während wir fröhlich all das tun können. Natürlich – auch das geschieht zum Schutz. Wir meinen es ja gut. Aber auch ein 90jähriger sollte selbst einschätzen dürfen, ob er mit Maske und Desinfektionsmittel in den Supermarkt geht oder nicht. Er wird um das Risiko wissen und es vielleicht trotzdem in Kauf nehmen, weil die Einsamkeit und die Stille in der leeren Wohnung noch schwerer zu ertragen wären. 
Unsere Aufgabe ist es, so denke ich, ihn wissen zu lassen, dass es Menschen gibt, die ihm helfen werden, falls er das Risiko nicht eingehen möchte. 


„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 10.05.2020

Heute wird Muttertag gefeiert! Naja, gefeiert ist vielleicht etwas übertrieben. In manchen Familien wird an diesem Tag das Frühstück ans Bett gebracht oder ein Ausflug gemacht oder die ganze Familie geht zum Essen (zumindest vor Corona war das so). Scherzhaft konnte man dieser Tage lesen, dass die Väter sich dieses Jahr selbst Gedanken zum Muttertag machen müssten, weil die KiTas geschlossen sind und die ErzieherInnen diesmal nicht die guten Ideen liefern. 

Ich habe nichts gegen den Muttertag, aber auch nicht viele Argumente dafür. Längst sind die Rollenverteilungen in Familien flexibel. Mütter legen oft gar keinen Wert auf diesen einen Tag im Jahr, wenn ihre Arbeit an den 364 übrigen Tagen nicht geschätzt wird. In vielen Familien hat der Vater die klassischen Mutter-Aufgaben übernommen, u.s.w…….

Trotzdem: wenn ich an meine Mutter denke, die nicht mehr lebt, dann würde ich gerne noch so vieles fragen. Ich würde ihr gerne erzählen, was ihre Familie gerade so treibt und wäre gespannt, was sie dazu zu sagen hätte. Und wenn ich traurig bin, dann wünschte ich, sie würde mich noch einmal trösten. Denn das konnte sie auch wunderbar.

Vielleicht hatte der Prophet Jesaja auch so eine Mutter. Denn er hat über Gott einmal gesagt, der könne so trösten, wie einen seine Mutter tröstet (Jes 66,13). Ich weiß genau, was er damit meint 😊

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 09.05.2020

Heute also die angekündigte Fortsetzung von gestern mit dem Erfahrungsbericht.

Schwierig, schwierig, kann ich da nur sagen…….. 😊 Wahrscheinlich braucht es mehr Übung, um dem eigenen Handeln gerade dann Aufmerksamkeit zu schenken, wenn es sich um vermeintlich lästige und nebensächliche Tätigkeiten handelt. Allerdings ist mir aufgefallen, dass die gedankliche Beschäftigung mit diesem Thema ganz neue Gedanken freisetzt. Zum Beispiel die Frage, welche Tätigkeiten eigentlich tatsächlich nebensächlich sind (vielleicht kann man sie dann weglassen?) und welche nebensächlichen Tätigkeiten genaugenommen gar nicht so nebensächlich sind (weil sie zwar keinen Spaß machen, aber für andere einen Nutzen haben?). Mal wieder fällt mir diese buddhistische Weisheit ein, die in diesem Zusammenhang so oft erwähnt wird: Ein buddhistischer Meister wurde einmal gefragt, warum er trotz seiner vielen Beschäftigungen immer so glücklich sein könne. Er sagte: „Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich sitze, dann sitze ich, wenn ich esse, dann esse ich, wenn ich liebe, dann liebe ich …“ (…) Da sagten die Leute: „Aber das tun wir doch auch!“ Er aber sagte zu ihnen: „Nein – wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon, wenn ihr steht, dann lauft ihr schon, wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel.“ Ist das gemeint, wenn wir alles, was wir tun, mit der Kraft tun sollen, die uns zur Verfügung steht? Wir verschwenden möglicherweise Energie, wenn wir neben dem, was wir gerade tun, schon das Nächste planen. Andererseits: ohne Planung wird es auch schwierig. Aber wie wäre es damit: das Planen für den nächsten Tag machen wir nicht nebenbei, sondern als eigenen Tagesordnungspunkt auf der inneren ToDo Liste. Mal sehen, was dann passiert 😉

 

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 08.05.2020

Schon wieder Freitag! Geht Euch das auch so, dass die Corona-Zeit gefühlt schneller läuft, als die normale Zeit? Ich fand schon immer, dass die Zeit ein seltsames Ding ist. Sie will uns glauben lassen, sie würde metrisch akkurat in eine Richtung verlaufen, aber jeder weiß doch, dass das auf keinen Fall stimmen kann. Ein Termin beim Zahnarzt dauert eine Ewigkeit, während gleich viele Minuten (oder auch mal Stunden ☹ ) am Strand im Handumdrehen vorbei sind. Wenn man schlecht schläft, weil das Gedankenkarussell in Betrieb ist, dann dauert die Nacht unendlich lang. Ist man aber nach einer schönen Feier müde ins Bett gefallen, dann ist die Nacht in Windeseile vorbei, kaum, dass man zum Schlafen gekommen ist. Und dann gibt es Menschen, die wollen uns erzählen, man müsse nur den Augenblick festhalten. Die machen mich schonmal leicht aggressiv. 

Weil ich weiß, dass sie Recht haben und doch so wenig dagegen tun kann, dass mir die Zeit durch die Finger rinnt. Aber einen Versuch wäre es doch noch wert. Im Buch Kohelet fand ich folgenden Vers: Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu.(Kohelet 9,10)

Damit ist wohl auch die Hausarbeit gemeint, zu der ich so oft keine Lust habe. Oder Verwaltungskram. Oder die Steuererklärung. Oje…mir fallen gerade immer mehr Beispiele ein. Heute werde ich mir eine Sache vornehmen und sie ganz bewusst tun. Ich werde ihr Aufmerksamkeit schenken und gute Gedanken. Und morgen werde ich Euch wissen lassen, was daraus geworden ist😉

„Was Pfarrer gerade so machen“
 
von Pfarrerin Annette Cersovsky, 07.05.2020
Lockerungen, so weit das Auge reicht. Ich kann wieder Freunde treffen. Mein Lieblingsrestaurant wird öffnen, ebenso mein Fitness-Studio (das ich überraschenderweise sehr vermisst habe😉), vielleicht kann ich sogar ein Konzert besuchen oder eine Ausstellung. Warum will sich dann keine rechte Freude bei mir einstellen? Es geht mir mit den Lockerungen wie mit den Entscheidungen über die Gottesdienste letzte Woche: sind wir zu unvorsichtig? Politikerinnen und Politiker treffen ihre Entscheidungen nach vielen Abwägungen. Sie haben Wahlen zu gewinnen und vielleicht sogar das Kanzleramt. Ich kann verstehen, dass sie jede Entscheidung nach allen Seiten absichern wollen. Aber ich befürchte, dass das diesmal nicht geht. Diejenigen, die keine Wahlen gewinnen müssen oder sowieso ihren Chefsessel nach der nächsten Wahl räumen wollen, die Epidemiologen und Frau Merkel, scheinen sehr viel zurückhaltender zu sein. Von einer zweiten Welle ist die Rede, von einem steinigen Weg zum Impfstoff. Und sogar Wirtschaftsexperten warnen, dass eine zu frühe Lockerung noch größeren Schaden für die Wirtschaft anrichten würde, wenn ein zweiter Shutdown notwendig wäre.
Liebe Politikerinnen und Politiker, ich würde im Moment lieber eine für mich unbequeme Entscheidung hinnehmen, wenn ich das Gefühl hätte, dass ihr auf Expertenmeinungen mehr gebt, als auf Wahlbarometer. Natürlich sind sich auch die Experten nicht ganz einig, aber das zeigt doch einmal mehr, wie unsicher die ganze Geschichte insgesamt noch ist. Ich wünschte, wir könnten noch etwas mehr Geduld aufbringen. Auch bei der Öffnung der Gottesdienste und Gemeindegruppen!


„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 06.05.2020

Ich war einigermaßen entsetzt, als ich in einer Focus-Schlagzeile las, was Boris Palmer, der Oberbürgermeister von Tübingen, geäußert hatte. Inzwischen ist er zurückgerudert, aber die Aussage steht im Raum und beschäftigt mich. Palmer hatte eine drastische Lockerung der Corona-Maßnahmen gefordert, weil wir in Deutschland „möglicherweise Menschen retten, die in einem halben Jahr sowieso tot wären“. Ich kann mir diese Äußerung eigentlich nur vor dem Hintergrund der dramatischen Zustände in Italien erklären, wo Mediziner tatsächlich abwägen mussten, wem sie zuerst helfen. Und dort wurde dann eben manchmal danach entschieden, wer sowieso schlechte Genesungschancen hatte.

Aber in Deutschland? Wir haben gar nicht so viele Beatmungsplätze benötigt, wie bereitstanden. Wir konnten europäischen Nachbarn aushelfen, bei denen es anders aussah. Niemand musste bei uns abwägen, ob ein Mensch mit multiplen Vorerkrankungen, wie es immer so schön heißt, eine Behandlung bekommen soll oder nicht.

Ich verstehe diese Aussage, wenn ein Arzt aus Bergamo sie trifft, der nicht mehr weiß, wie er nach 24 Stunden-Schichten und ohne genügende Schutzausrüstung noch klarkommen soll.  Wichtiger wäre, meiner Meinung nach, dafür Sorge zu tragen, dass allen geholfen werden kann, die Hilfe benötigen. Dazu braucht es genügend medizinisches Personal mit ausreichender Bezahlung, eine Priorisierung in der Beschaffung notwendiger Schutzmaterialien und grenzüberschreitende Hilfen. Das benötigte Geld könnten wir vielleicht aus dem Topf für Flugzeuge nehmen, die für Kernwaffen geeignet sind. 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 05.05.2020

Die Einschränkungen werden langsam lästig. Das hört man gerade überall. Masken, Abstandsregeln, Warteschlangen, keine Besuche bei Familie und Freunden – keine Frage, das nervt. 

Trotzdem – es ist auszuhalten, wenn wir zu den Glücklichen gehören, die noch Arbeit haben und Geld dafür bekommen; wenn wir uns auch Zuhause beschäftigen können, einen funktionsfähigen PC besitzen und vielleicht noch einen Partner/eine Familie, mit dem/der man abends Gesellschaftsspiele spielen, gemeinsam kochen, einen Film schauen oder die Wohnung aufräumen kann.

Durch die Gemeindearbeit bekomme ich immer wieder Einblicke, wie es ist, wenn das alles fehlt. Die Corona-Krise trifft Menschen doppelt hart, denen eine feste Struktur im Alltag sowieso schon fehlte, die schon vorher am Existenzminimum lebten, denen es schwerfällt, sich selbst zu organisieren oder zu beschäftigen. Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter erzählen davon, wie es in den Familien zur Zeit aussieht und wie wenig sie im Moment tun können.

Aber eine Sache könnten wir alle tun: wenn wir zu der Gruppe der o.g. Glücklichen gehören, dann sollten wir das Wehklagen einstellen. Und falls wir jemanden kennen, der zu der u.g. Gruppe gehört, dann könnte ein Telefonat oder ein Brief oder eine Mail vielleicht ein kleines Wunder vollbringen.

 

Was Pfarrer so machen
Audioblog vom 4.5.2020
von Pfarrerin Annette Cersovsky

„Was Pfarrer gerade so machen“
 
von Annette Cersovsky, 03.05.2020
Heute wäre Konfirmation. Eure Konfirmation, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden. Wir hatten uns auf den Tag gefreut und ein paar Pläne geschmiedet, damit Ihr einen schönen Gottesdienst erleben könnt. Und Ihr hattet auch Pläne für den Tag gemacht; schöne Kleider ausgesucht, Euer Lieblingsessen, die Hoffnung auf coole Geschenke. 
Eure Konfirmation fällt natürlich nicht aus. Sie ist nur um ein paar Monate verschoben – wie so vieles im Augenblick.
Heute ist aber ein guter Tag, um mal über die eigene Konfirmation nachzudenken. War das ein wichtiger Tag im Leben? Ein großer Schritt in der eigenen Glaubensgeschichte? Oder eher ein fröhliches, buntes Familienfest? 
Im Hinblick auf meine eigene Konfirmation würde ich sagen: von allem etwas. Man ist als Konfirmand und Konfirmandin an diesem Tag der Mittelpunkt. Die Eltern nehmen oft richtig viel Geld in die Hand, um alle Lieben von nah und fern einladen zu können. Es gibt Geschenke. Und natürlich gibt es zu Beginn des Tages einen Gottesdienst. 
Ich habe diesen Gottesdienst damals ernst genommen, und meine Freunde auch. Von der Predigt haben wir kaum etwas behalten, wahrscheinlich auch nicht verstanden. Wir haben auch nicht richtig hingehört, waren mit uns selbst und unserer Rolle an diesem Tag beschäftigt. Und trotzdem hat dieser Tag etwas mit uns gemacht. Die Hand auf dem Kopf aufgelegt, der gesprochene Segen dazu – das war eine Erfahrung, die wir gemacht haben. Und die für ein Leben gereicht hat – Du bist ein Segen. Es ist kein Zufall, dass Du da bist. Und Du bist genau richtig, so wie DU bist.
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden: ich freue mich auf den Tag, an dem ich Euch genau das zusprechen kann. Jeder und jede von Euch ist genau richtig. Und besonders. Besonders toll 😊


„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 02.05.2020

Seit letztem Sonntag sind wir auch dabei – Sigi Landau hat unserer Homepage ein Forum hinzugefügt. Ich bin kein Freund von Foren – normalerweise. In der Anonymität des Netzes wird in Foren viel zu oft völlig unkritisch und jenseits aller Anstands- und Rechtschreibregeln das geschrieben, was dem einen oder der anderen gerade so durch den Kopf geht. Es ist nicht ganz leicht in einem Forum auf der Sachebene zu bleiben und tatsächlich Argumente auszutauschen statt persönlicher Ressentiments oder emotionaler Aufreger.

Trotzdem: wir haben jetzt auch ein Forum und das finde ich gut und wichtig. Denn es gehört zu unserer Gemeindearbeit, dass wir im Austausch sind: über Aktuelles, über Tagespolitik, Generationenfragen, Alltagsprobleme, persönliche Dinge. Und natürlich immer wieder über Glaubensfragen. Glauben hat man nicht, sondern lebt ihn. Das bedeutet für mich, dass ich meinen eigenen Glauben hinterfragen kann, Positionen in neuem Licht anders sehen und auch meine Haltung zu Glaubensfragen ändern kann. Austausch in diesen Dingen bringt uns weiter, denke ich. Denn wir lernen andere Perspektiven kennen und erweitern unseren eigenen (Glaubens-)Horizont. Aber bitte auch bei uns mit der gebotenen Netiquette 😊

Was Pfarrer gerade so machen“

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 01.05.2020

Ein paar Tage lang war sie fast verschwunden aus den Medien – die magische Zahl der Reproduktion. Ein Mensch infizierte weniger als einen weiteren Menschen – und das war gut. Seit Montag ist die Reproduktionszahl wieder gestiegen – und das ist nicht so gut. Die Sorge ist zurück, trotz all der Lockerungen und scheinbarer Rückkehr zur Normalität. Jetzt ist sie wieder gesunken – und das ist wieder gut. Und zurück gekommen sind die Forderungen nach weiteren Lockerungen.
Und etwas anderes ist leider auch zurückgekommen. Die rüpelhafte Art mancher Mitmenschen. Zu Beginn der Corona-Krise hatte sich deutlich etwas verändert im Miteinander: man grüßte freundlich wildfremde Menschen, wenn man ihnen auf dem Gehweg auswich, man drängelte nicht in der Warteschlange und ließ auch nicht die anderen teilhaben am eigenen Unmut über die Warterei, man fuhr nur Auto, wenn es unumgänglich war und blieb gelassen angesichts roter Welle oder schlechter Einparker. Jetzt, so scheint es, sind einige wieder zu unserem gewohnt rüpelhaften Umgang zurückgekehrt. Ihr Lieben, überlegt doch mal, was sich für Euch besser angefühlt hat und wo jede und jeder von uns dazu beitragen kann, dass es sich wieder so gut anfühlt 😉.

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 30.04.2020

Diese Woche ging es so richtig los – immer mehr Lockerungen, immer mehr Geschäfte, die öffnen dürfen. Dazu nachvollziehbare Proteste von Restaurantbesitzern, dass es doch auch bei ihnen bald wieder losgehen soll. Ebenso die großen Kaufhäuser auf voller Fläche – eigentlich soll alles wieder öffnen, so wie früher. Als die Welt noch in Ordnung war und wir uns nicht so viele Gedanken machen mussten. 

Unsere Gesellschaft hat, so scheint es, ein wenig den Schwung verloren und die Lust, gemeinsam dazu beizutragen, dass wir die Krise in den Griff bekommen. Wir werden nachlässiger, tun so, als ob das Virus seine Bedrohung verloren habe, als wären wir tatsächlich auf dem Weg zur Normalität. 

Virologen sagen aber etwas anderes. Es wird immer deutlicher, dass sich unser ganzes Leben verändern wird und zwar für einen langen Zeitraum. Allmählich wird uns klar, dass wir keinen Urlaub machen werden, wie wir es gewohnt sind, wir werden keine Sommerfeste feiern und auch keine großen Familienfeste. Bei uns in der Gemeinde wurden Hochzeiten auf unbestimmte Zeit verschoben – das gab es noch nie.

Vielleicht ist der klügere Weg diesmal nicht, immer schneller immer mehr Lockerung zu verlangen und zu erwarten. Vielleicht ist es auch gar nicht klug, alles wieder so haben zu wollen, wie es vorher war. Lieber noch ein wenig aushalten und gut überlegen, was wir ändern könnten. Dass wir alle weniger mobil sind, ist gut fürs Klima. Home Office hilft, wenn das Kind krank ist. Für Nachbarn mitdenken, die das Haus nicht verlassen können, schafft ein gutes Gefühl und ein neues Verständnis von Nachbarschaft. Das digitale Ausprobieren der Gemeinden hat dazu geführt, dass wir endlich neue Wege beschritten haben, mutig etwas ausprobiert haben, auch mit dem Risiko zu scheitern. Ein gutes Mittelmaß zwischen „früher“ und „heute“ könnte lohnenswert für alle sein.

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 29.04.2020

Je länger wir uns mit Corona beschäftigen müssen, umso mehr treten die vielen anderen Themen in den Hintergrund, die uns vor der Corona-Zeit beschäftigt haben. Klimawandel, Antisemitismus, der Krieg in Syrien, die katastrophale Lage in den griechischen Flüchtlingslagern – das waren die Top-Themen der Nachrichten. Im Augenblick sind es eher Randnotizen und es scheint fast so, als wäre da wie von Zauberhand alles gut. Das Klima regeneriert sich von selbst, weil wir alle weniger mobil sind, keine Nachrichten aus Syrien sind dann wohl gute Nachrichten, in den Flüchtlingscamps scheint es noch keine Corona-Fälle zu geben und Antisemitismus – war da mal was?

Ich befürchte, dass wir nachlässig werden, was all diese Themen angeht. Nicht über Themen zu sprechen, macht auch etwas mit den Themen.

„Was wir sagten und schrieben, denken ja viele. Nur wagen sie es nicht, es auszusprechen.“ (Sophie Scholl)

„Was Pfarrer gerade so machen“
 
von Pfarrerin Annette Cersovsky, 28.04.2020
Im Frühjahr überfällt es mich regelmäßig – ich bekomme heftige Niesattacken und laufe mit unschönen roten Augen herum. Hasel und Birke sind die schuld daran. Wenn mich in früheren Jahren eine solche Niesattacke beim Einkaufen zwischen Nudeln und Milch heimsuchte, dann fand ich mich oft in einer Art Leidensgemeinschaft wieder. „Ach, Sie auch….?“ Wissendes Lächeln, freundliche Blicke, manchmal ein Tipp. Man fühlte sich einer Gruppe zugehörig, hatte den Eindruck, andere fühlen mit einem, man war  gut aufgehoben. 
Das ist heute anders. Wer heute zwischen Nudeln und Milch eine Niesattacke bekommt, wird böse angeschaut. Keiner denkt mehr an Birke oder Hasel, sondern sofort an Corona und die Bilder im Internet, von fliegenden Viren in Supermärkten, nachdem einer geniest hat.
Mir kommen biblische Geschichten in den Sinn, in denen es um die sogenannten Aussätzigen geht. Menschen, die an einer ansteckenden, nicht behandelbaren Krankheit litten und deshalb, um die Gemeinschaft zu schützen, aus den Dörfern und Städten verbannt wurden. Dort vegetierten sie dann vor sich hin – ohne soziale Nähe oder Hilfsstruktur, ohne Würde und ohne Hoffnung. Jesus hat sich bewusst diesen Menschen zugewandt. Hat sie wieder zum Teil der Gemeinschaft gemacht und mit der Frage aufgeräumt, ob Krankheiten nicht vielleicht doch selbst verursacht wurden durch persönliches Fehlverhalten. 
Wir müssen jetzt aufpassen, dass wir die Gesellschaft nicht in gut und böse einteilen, in Menschen mit perfekten Gesichtsmasken und Plastikhandschuhen und denen, die nur einen Schal vor der Nase haben und vielleicht sogar niesen. Natürlich müssen wir alle uns schützen, aber doch lieber als Gesamtgemeinschaft. Ich hoffe sehr, dass wir alle mehr Geduld aufbringen können, um die Kontaktsperren noch ein wenig auszuhalten und mit unseren Masken klar zu kommen. Am schlimmsten wäre es doch, wenn uns katastrophale Zustände einholen, wie die, deren Bilder wir nicht aus dem Kopf kriegen – von einsam Sterbenden und in Gebäudeflügel verbannten Infizierten, an die sich niemand mehr herantraut. #stayathome


„Was Pfarrer gerade so machen“
von Pfarrerin Annette Cersovsky, 27.4.2020

Zu all den vielen neuen Erfahrungen und Eindrücken, die uns Corona beschert hat, gehört auch, dass wir neue Stars haben. Allerdings keine Sänger oder Schauspieler, Youtuber oder DJs. Jetzt haben wir Virologen. Den Podcast von Herrn Drosten kennen unzählige Deutsche, das Gesicht von Herrn Kekulé ebenso. Aber habt Ihr auch schon Maja Göpel kennengerlernt? Zu beschreiben, wofür sie bekannt ist, fällt gar nicht so leicht. Sie ist Regierungsberaterin, Ökonomin und Expertin für Nachhaltigkeitswissenschaft. Mich beeindruckt sie vor allem deshalb, weil sie in Talkshows und Interviews nahezu ohne „ähm“ auskommt und komplizierte Sachverhalte ganz einfach erklären kann. Man kann ihr gut zuhören und nachvollziehen, was sie sagt. Das ist zur Zeit nicht bei jeder Talk-Runde der Fall 😉

Neben all dem Genannten ist sie aber auch noch Transformationsforscherin. Was das ist, musste ich nachschauen. Transformationsforschung stellt sich „dem wachsenden globalen Problemdruck und beschäftigt sich mit der Unterstützung von Nachhaltigkeitstransformationen“. So heißt es in einer Veröffentlichung des Umweltbundesamtes. Hilft, ehrlich gesagt, noch nicht so richtig weiter. Transformation kommt vom lateinischen „transformare“ und das meint ein Umformen. Da gibt es etwas und das wird umgeformt in etwas anderes. Möglicherweise in etwas Besseres. Im Fall von Frau Göpel in eine neue Form von Nachhaltigkeitswirtschaft, von Generationengerechtigkeit und neuen Formen von Globalisierung – das sind die Themen, zu denen sie kluge Sachen sagt. 

2020 ist ein neues Buch von ihr erschienen mit dem geradezu prophetischen Titel „Unsere Welt neu denken.“ Da werde ich wohl mal reinschauen.


"Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 26.04.2020

Wenn man Leute fragt, welche Bibeltexte sie kennen, dann sagen viele: Psalm 23. Der musste früher auswendig gelernt werden. Fanden die Konfis früher wahrscheinlich erstmal doof, aber heute kennen sie die alten Worten immer noch und finden sie sogar gut (liebe Konfis, schadet nicht, wenn Ihr den auch könnt 😉)

Heute ist Psalm 23 der vorgeschlagene Psalm für den Gottesdienst. Taugt das Bild noch, das der Psalmbeter sich von Gott macht? Er suchte wohl Analogien aus seinem Alltag, mit denen er doch wenigstens ein paar Facetten Gottes darstellen konnte, die für ihn wichtig waren.

Psalm 23 wird David zugeschrieben und der war am Anfang seines Lebens ein Hirte. Er kannte sich also aus, wusste um die Gefahren, in die seine Herde geraten konnte. Dass ein kurzer Ausflug abseits des Weges den Tod bedeuten konnte, weil hinter dichtem Gestrüpp eine Schlucht verborgen war oder weil urplötzlich wilde Tiere da waren. David hatte noch die Worte seines Vaters Isai im Kopf: die Schafe musst Du mit Deinem Leben beschützen! Die Schafe waren wichtig, sie sicherten die Existenz der ganzen Großfamilie. Aber sein Leben dafür geben? Kann das ein Mensch überhaupt versprechen?

David lebte sehr lange vor Jesus und dem ersten Ostermorgen, aber auch er hatte schon dieses Bild im Kopf, dass sein Gott zwar nicht die Gefahr wegnimmt, aber ihn durch jede Situation seines Lebens führen wird und am Ende auch durch den Tod hindurch in ein neues Leben begleite wird. Denn so endet Psalm 23: ….und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“ Sein Leben geben, damit andere zum Leben kommen – das konnte vielleicht nur Jesus selbst.

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 25.04.2020

Jetzt also doch: wir maskieren uns. Irgendwie hat sich das Stadtbild schon seit längerem verändert, weil schon vorher einige Leute durchaus mit Masken zum Einkaufen gingen; grüne OP Masken, Selbstgebasteltes in geblümt oder jeansfarbig, coole FFP Masken (wo haben die Leute die bloß her?), mit oder ohne Filter, Vlies oder Staubsaugerbeutel, so vielfältig wie der Kleidungsstil scheint sich auch die Maskenmode zu entwickeln. Ich finde das zwar lästig, aber auch nicht weiter schlimm, wenn es denn hilft. Nicht so toll finde ich das Durcheinander im Bezug auf die Maskenfrage. Wenn wir zukünftig innerdeutsche Landesgrenze überqueren werden – falls wir das denn wieder tun – dann müssen wir genau Bescheid wissen, in welchem Land welche Regelung gilt. Hoffentlich fallen wir nicht auch in den Köpfen in die Kleinstaaterei zurück, im Sinne von NRW first oder so. Das wäre wohl kaum hilfreich, wenn wir alle gemeinsam wieder aus der Corona-Zeit herausfinden wollen. Ich mag sehr die Vorgehensweise von Jacinda Ardern. Die sympathische Regierungschefin von Neuseeland hat extrem harte Maßnahmen durchgesetzt, war dabei klar und ehrlich – und hatte Erfolg, wie die Reproduktionszahl von 0,5 diese Woche zeigt. Und das Beste: Klarheit und Ehrlichkeit werden belohnt - die Neuseeländer stehen hinter ihr. So geht das!

„Was Pfarrer gerade so machen“

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 24.04.2020

Heute gibt es mal einen kleinen Zwischenstand: 

Seelsorge läuft weiter wie beschrieben – viele Telefongespräche, aber auch Mails, Briefe und Kurznachrichten. Mein Eindruck ist, dass zwar einige den persönlichen Kontakt vorziehen würden, dass aber anderen, gerade wegen der größeren Anonymität, der Austausch über schwierige Themen leichter fällt.

Gottesdienste zeichnen wir auf, Andachten werden ins Haus geliefert. Unser Gebetsbriefkasten ist angebracht und Gebete zum Mitnehmen gibt es auch. Konfirmandenarbeit ist in Planung, das Gemeindehaus wurde aufgeräumt und viel Material geordnet.

Viele kleine Einzelaktionen haben inzwischen stattgefunden, z.B. das Musizieren vor dem Altenheim, What’s App Aktionen der KiTa Eltern, die Briefsammlung für Bewohnerinnen und Bewohner der Remscheider Senioreneinrichtungen (da