„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 17.07.2020

„Was macht ihr Pfarrer eigentlich gerade, wo ihr doch gar nichts machen könnt?“ – mit dieser Frage fing alles an – genau heute vor vier Monaten.

Ich habe in diesen Monaten eine Menge gelernt, Neues ausprobiert, Altes über Bord geworfen. Das Kirchenschiff ist ordentlich durchgeschüttelt worden – vermutlich war es mal an der Zeit. Wir haben viele Mitglieder verloren – auch das muss uns weiter beschäftigen, denn eine Krise wie die, die wir gerade erleben, zeigt deutlich, dass das Kirchensteuermodell vielleicht nicht das Beste aller möglichen Modelle ist. Es haben aber auch Menschen zu unserer Gemeinde gefunden, denen wir vorher zu langweilig waren oder zu sehr hinter unseren Mauern verschanzt oder zu wenig abwechslungsreich oder nicht genug alltagstauglich.

Es gab unglaublich viele spannende Gespräche, Anregungen, kreative Ideen, Angebote zur Mithilfe, spontane Aktionen und und und….für all das bin ich sehr dankbar!

Ich habe heute beschlossen, ab sofort nicht mehr täglich hier zu schreiben, sondern nur noch dann und wann. Es ist Zeit für Neues und ich habe auch schon ein Projekt im Kopf, das ich gerne mit euch zusammen starten würde. Das stelle ich in den nächsten Tagen hier vor……Bleibt alle behütet!!!!

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 16.07.2020

Mr. Fauci bemüht sich in den USA nach Kräften darum, ein paar Fakten über Corona, die Covid 19 Erkrankung und Infektionsgeschehen im Allgemeinen unterzubringen. Letzte Woche quittierte Mr. President diese Bemühungen mit der Aussage „…Fauci habe viele Fehler gemacht“.

Aber auch bei uns wird mehr und mehr angezweifelt, dass Wissenschaftler uns in diesen Zeiten etwas zu sagen hätten.

Ich frage mich, wo das herkommt. Wissenschaftler haben die Aufgabe, die Welt zu erforschen. Epidemiologen forschen zur Zeit in der Welt der Viren. Hätten sie uns einen Impfstoff präsentiert, wären sie wie Helden gefeiert worden. Empfehlen sie Mundschutz und Abstand, gehen wir demonstrieren. So ganz verstehe ich diese Reaktion nicht. Die widersprüchlichen Forschungsergebnisse deuten auch für Laien verständlich darauf hin, dass es noch keine genaueren Ergebnisse gibt. Mir ist sehr viel wohler dabei, ein bisschen mehr an Schutzmaßnahmen empfohlen zu bekommen, wenn man eben nicht so genau weiß. Wir müssen schon auch den Willen mitbringen, uns mit dem zu beschäftigen, was gerade unser Leben bestimmt. Und wenn wir selbst von Forschung und Epidemiologie keine Ahnung haben, können wir nur schwerlich Argumente dagegensetzen. Einfach nur mit dem Fuß aufstampfen, die Maske in die Ecke pfeffern und trotzig Wissenschaftler beleidigen ist jetzt nicht so hilfreich. Also – ruhig bleiben. Es wird schon😉

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 15.07.20

Habe mich eben im Kalender verblättert und bin im Juni gelandet. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich am 15. Juni einen wichtigen Tag gar nicht gewürdigt habe. Das hole ich hiermit nach😊

Am 15. Juni ist der „Tag des Strandkorbs“. Der soll von dem Korbmacher Wilhelm Bartelmann im Sommer 1882 erstmals für eine vom Rheuma geplagte Dame hergestellt worden sein.

Ich mag die Strandkörbe am liebsten außen weiß und innen blau-weiß-gestreift. Das ist ultimatives Stranddesign 😉 Die Körbe bieten Schutz vor Wind und Sand und Regen. Gleichzeitig ermöglichen sie aber auch, bei jedem Wetter an den Strand zu gehen. Sie beherbergen Schwimmtiere, Handtücher, sandverklebte Bücher und riechen wundervoll nach Sonnenöl. Sie geben einen Ausschnitt vom Strand und vom Meer frei – einfach nur für mich. Und wenn ich genug geschaut habe, dann kann ich aufstehen und mir ein neues Stück Strand und Meer erwandern. 

Wegen mir, liebe Strandkorbaufsteller, müsstet ihr die Körbe auch nicht jeden Abend typisch deutsch neu aufstellen. Lasst sie doch einfach so herumstehen, wie sie verlassen wurden. Jeder Strandkorb erzählt doch die Geschichte, die der vorherige Gast dort erlebt hat und zeigt seinen Ausschnitt von Strand und Meer 😉

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 14.07.2020

Ich lese gerade einen Thriller über raffiniert eingefädelte Wirtschaftskriminalität und wie man ihr allmählich auf die Spur kam. Die Familie des Haupttäters erwischen die Ermittlungen kalt. Sie wussten von nichts, hätten niemals damit gerechnet, dass so etwas überhaupt in ihrer Familie passieren könnte. Und nun sind sie ihrer Sicherheiten beraubt, materiell natürlich, aber auch im Hinblick auf Vertrauen und Zukunftshoffnungen. In der Familie wird ein Ausspruch zum Motto: „Immer das Beste hoffen, aber mit dem Schlimmsten rechnen.“ Ist das so? Sollten wir nicht immer nur das Beste hoffen? Damit sich etwas vorwärtsbewegt und wir handlungsfähig bleiben und das Ziel nicht aus den Augen verlieren? Wenn ich mir im Augenblick die Weltpolitik anschaue, dann hilft der hoffnungsvolle Blick nach vorne nur bedingt. Er sorgt dafür, dass wir Ziele setzen und Strategien erarbeiten. Aber mit dem Schlimmsten rechnen hilft dabei, keine Zeit zu verlieren und niemanden zurückzulassen. Heute schon im Kopf zu haben, für wen es eng werden könnte in der Corona-Pandemie, könnte dabei helfen, frühzeitig zu agieren, statt immer nur auf Hotspots zu reagieren. Und was würde sich erst alles ergeben, wenn wir nicht nur Corona-Hotspots, sondern auch Kriegs-Hotspots und Hunger-Hotspots in den Blick nähmen!

 

 

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 13.07.2020

Leider bin ich nicht immer so wahnsinnig geduldig. Mich nervt es, dass es oft so lange dauert, bis sich Erkenntnisse durchgesetzt haben oder endlich umgesetzt werden.

In meiner ersten Vorlesung 1984 wurde über den Kohleausstieg debattiert, weil inzwischen bekannt war, dass chinesische Importkohle nicht nur sehr viel billiger als deutsche Kohle zu haben war, sondern dass sie zudem mit viel geringeren schädlichen Folgen für die Umwelt abzubauen war.

Ihr wisst, wann der Kohleausstieg endgültig beschlossen wurde 😉

Ich habe mich im Laufe der Jahre dabei ertappt, dass ich über manche Probleme einfach nicht mehr nachgedacht habe, weil sich ja sowieso nichts ändert. Aber das ist die völlig falsche Einstellung, denn am Ende kommt doch etwas dabei heraus und zwar das Gute und Richtige. Das meint zumindest kein Geringerer als Georg Wilhelm Friedrich Hegel. In seiner Vorrede der „Phänomenologie des Geistes“ steht folgender Satz: „Wir müssen überzeugt sein, dass das Wahre die Natur hat, durchzudringen, wenn seine Zeit gekommen….“. Also, keine Ausrede mehr fürs Nicht-Mitdenken 😊

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 12.07.2020

Vor meinem Fenster spielten doch tatsächlich mal wieder Kinder Verstecken. Auch so eine Corona-Folge: miteinander Spielen, draußen sein, Bewegung und frische Luft haben wieder an Bedeutung gewonnen. Und – offensichtlich – auch das schöne alte Spiel „Ich zähle bis zwanzig, dann suche ich euch“.

Erwachsene, dachte ich, spielen auch manchmal Verstecken. Nicht an der frischen Luft und aus Lust am Spiel, sondern um etwas zu verbergen, das andere nicht sehen sollen. Machen gute Miene zum bösen Spiel, weil die anderen mehr sind oder man kein Spielverderber sein will. Manchmal setzen wir auch ein Lächeln auf, wenn uns zum Weinen zumute ist – nicht jeder soll unsere Schwäche bemerken oder gar Mitleid zeigen. Dann fühlt man sich ja noch schlechter.  Im Buch Jeremia lässt Gott durch den Propheten fragen „Meinst du, dass sich jemand heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe?“ (Jeremia 23,24) Früher hat man solche Bibelworte gerne (fragwürdig) pädagogisch genutzt: Gott sieht alles! Gott straft jede kleine Verfehlung!....und die großen sowieso! Bei Jeremia ist davon nichts zu spüren. Wir mögen viele Gründe haben, etwas zu verbergen, aber Gott sieht, wie es wirklich um uns bestellt ist. Das hat etwas sehr Entlastendes, denn dann kann ich einfach so mit Gott sprechen, muss ihm nichts vormachen, kann all das sagen, was sonst niemand wissen darf.  Ich würde nicht sagen, dass ein Gebet automatisch jedes Problem löst, aber einmal auszusprechen, was einen beschäftigt, schafft Raum für neue Gedanken und öffnet gelegentlich Perspektiven, wie man anders damit umgehen kann. Und immer wieder passiert es auch, dass da ein Weg ist, der vorher nicht da war. Zufall! Oder eine Antwort auf ein Gebet 😉

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 11.07.20

Unsere Kirchengemeinde macht mit bei „Remscheid tolerant“. Ob Toleranz denn überhaupt in der Bibel vorkäme, fragte kürzlich eine kritische Stimme zu unserem Engagement. Gute Frage – das Wort selbst kommt nicht vor. Die Gesellschaft, in der Jesus lebte, war intolerant. Mit den Samaritanern wurde gefremdelt, weil sie nicht zum Beten in den Jerusalemer Tempel kamen. Frauen hatten wenig Rechte, durften nicht als Zeuginnen vor Gericht aussagen und verfügten in den seltensten Fällen über eigenes Vermögen. Die geistlichen Gelehrten verachteten das einfache Volk, weil es ungebildet war. Die Zöllner wurden offen angefeindet, weil sie mit den römischen Besatzern kollaborierten. 

All diese Geschichten von Fremden, von Frauen, von Zöllnern und Gelehrten zeigen allerdings, wie Jesus in der Begegnung mit ihnen Toleranz verstand. „Toleranz“ kommt von „tolerare“ (Lat.), etwas aushalten,  das gelten lassen anderer Überzeugungen und Handlungsweisen als den eigenen. In der Begegnung mit dem „anderen“ stand bei Jesus immer im Vordergrund, nicht die Überzeugung und die Handlungsweise um jeden Preis gelten zu lassen, sondern den Menschen, der sie vertritt, ernst zu nehmen, ihm zuzuhören und in einen Austausch zu kommen. Toleranz heißt nicht, alles gut zu finden. Aber „Toleranz ist der Verdacht, dass der andere Recht haben könnte.“ (Kurt Tucholsky)

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 10.07.20

Fragt man ein bisschen herum, was typisch für das Christentum wäre, dann lautet die Antwort oft „Nächstenliebe“. Und da ist ja auch etwas dran. Jesus selbst hatte die sogenannte „Goldene Regel“ aufgestellt: Genau so, wie ihr behandelt werden wollt, behandelt auch die anderen! (Matthäus 7,12)

Man mag sich selbst ja durchaus auch nicht immer, aber gut behandelt werden möchte man schon. Was bedeutet also „den Nächsten lieben“? Vielleicht so: Zuhören, wenn einer ein offenes Ohr braucht. Gastfreundlich sein. Niemanden in Schubladen stecken. Teilen, was einem gegeben ist. Anpacken, wenn helfende Hände gebraucht werden. Aufmerksam sein für das, was in der Welt passiert. Aufregen über Ungerechtigkeit, Gewalt, Rassismus. Mutig eintreten für das, wovon man überzeugt ist. 

Die Liste kann sicher noch Ergänzungen vertragen 😉

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 09.07.20

Corona ist immer wieder Thema in Gesprächen mit Familie und Freunden, Nachbarn und Arbeitskollegen und sogar mit völlig wildfremden Menschen, wenn man in derselben Schlange ansteht oder mit der Maske kämpft. Natürlich stehen die Sorgen im Vordergrund, aber sehr viele Gespräche haben auch eine hoffnungsvolle Note. Corona hat uns gezeigt, worauf es ankommt und was wir wirklich im Leben brauchen. Und Corona hat uns eine Welt gezeigt, wie sie ohne persönliche Begegnungen wäre, eine digitale Welt ohne Umarmung und Naschen vom anderen Teller, ohne Enkelkinder auf den Schoß nehmen zu können oder mit der besten Freundin Arm in Arm durch den Park zu laufen.

Wir haben gelernt, dass schnelles Handeln und das Durchbrechen von Routine möglich sind, wenn nur alle wollen.

Der Chemiker und Professor Rainer Grießhammer erforscht an der Universität Freiburg nachhaltige Produkte. Er wirbt gerade darum, dass wir diesen positiven Schwung aus der Krise aufnehmen, um auch in Richtung Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Ökologie Veränderung möglich zu machen. Dafür sind politische Entscheidungen nötig und natürlich auch Geld. Und es braucht uns, eine Bevölkerung, die mehrheitlich mitmacht, die bereit ist, Dinge auch persönlich zu verändern, die anders Urlaub macht, weniger schnell fährt, einen Veggie-Day nicht ganz so katastrophal findet. Was wir davon hätten? Saubere Luft, leckeres Gemüse von heimischen Feldern, glückliche Tiere in großen Ställen, weniger Herz- und Kreislaufprobleme, weniger Stress, mehr Radwege, einen ausgebauten Nah- und Fernverkehr.

Laut Professor Grießhammer sind die meisten Klimaschutzmaßnahmen sogar ganz ohne Komforteinbußen zu haben. Wäre doch dumm, wenn wir nicht mitmachen würden😉

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 08.07.2020

Nun hat sich also auch Jair Bolsonaro, der brasilianische Präsident, mit Corona infiziert. Monatelang tat er Covid 19 als harmlose Grippe ab, wehrte sich gegen Masken und Abstandsregeln, ließ nur wenig testen. Bitte jetzt nicht falsch verstehen! Ich gönne ihm keineswegs die Erkrankung. Ich wünsche ihm wie allen anderen Erkrankten, dass er schnell wieder gesund wird und keine gesundheitlichen Folgen zurückbehält. Aber ich wünsche im Interesse der vielen Erkrankten in seinem Land, dass mit der Genesung auch die Vernunft kommt. Und die Einsicht in die Verantwortung, die er trägt. Und die Demut, dass Macht alleine aus einem Menschen noch keinen guten Staatsmann macht.

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 07.07.20

Hatte immer schon den Verdacht, dass Aristoteles ein ziemlich kluger Mann gewesen sein muss 😉

Vielleicht hätte er einen seiner berühmten Aussprüche auch in unserer Zeit angewandt, wenn er den Umgang mit der Corona-Pandemie verfolgt hätte. Lockern oder Lockdown, Maske oder keine Maske, Corona-App oder jede andere App (nur nicht diese), Soforthilfen oder Mehrwertsteuersenkungen oder EU-Hilfspakete – egal, was beschlossen wird, es gibt sofort Kritik und Gegenstimmen. Bitte nicht falsch verstehen: es ist gut, dass wir in einem Land leben, in dem man die Regierung kritisch anfragen kann, ja sogar soll. Mitdenker sind wichtig und meistens haben die Dinge ja auch mehr als eine Dimension. Aber Aristoteles hatte einen guten Blick darauf, wie man Kritik und Kritiker auch sehen könnte:

„Wenn du Kritik vermeiden willst: Sage nichts. Tue nichts! Sei niemand!“ (Aristoteles)

Etwas weniger weise und dafür mehr alltagspraktisch würde ich sagen: Kritik üben ist gut und wichtig. Aber dann bitte auch mit Begründung und, am allerbesten, mit kreativen Gegenvorschlägen.

Rechts: Büste von Aristoteles, Museo nazionale romano di Palazzo Altemps, Wikipedia, gemeinfrei

„Was Pfarrer gerade so machen“
 
von Pfarrerin Annette Cersovsky, 06.07.20
Liebe Einbrecher, was habt Ihr Euch heute Nacht nur gedacht? Wir haben kein Bargeld, außer den kleinen Notfallkassen, die Ihr gefunden habt. Wir haben leider auch sonst nichts, was sich zu Geld machen lässt. Ihr habt also nicht viel gewonnen und seid dafür ein großes Risiko eingegangen.
Wir haben nun mehrere eingetretene Türen, zerbrochene Fensterscheiben, herausgebrochene Schlösser und Schranktüren und viel Papierchaos im Büro.
Das Wertvollste, das unsere Gemeinde hat, sind aber die vielen Menschen, die sich bei uns ehrenamtlich und hauptamtlich engagieren, die niemals auf die Idee kämen bei uns einzubrechen, weil sie wissen, dass man uns in jeder Notlage ansprechen kann. Und das gilt auch für Euch! Wenn Ihr Geld gesucht habt, weil Ihr in Not seid, dann hätten wir versucht zu helfen. Aber „einfach so“ irgendwo einsteigen? Sorry, aber dafür haben wir kein Verständnis!


„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 05.07.2020

„Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“ – Ein geflügeltes Wort, das gerne mal verwendet wird, um sich über irgendeine politische Entscheidung zu beschweren, weil einer denkt, sie würde unserem Land schaden.

Bei einer kleinen Recherche über Heinrich Heine bin ich über diesen Ausspruch gestolpert. Er stammt aus dem Gedicht „Nachtgedanken“, das 1844 in dem Zyklus „Zeitgedichte“ erschien.

Aber Heine beschwert sich nicht über eine Entscheidung, die ihm nicht passt. Der Ausspruch hat einen viel ernsteren Hintergrund. Heine schrieb dieses Gedicht im Exil in Paris. Als kritischer, politisch engagierter Journalist und wegen seiner jüdischen Herkunft war er gleichermaßen von Antisemiten und Nationalisten so bedrängt worden, dass er seine Heimat verließ.

Immer wieder dasselbe Thema! Vorurteile, Abgrenzungen, mangelhafte Kenntnisse über andere Länder und Kulturen. In einem anderen Gedicht, „Diesseits und jenseits des Rheins“, wirft er einen überaus kritischen Blick auf den Umgang der Deutschen mit Frankreich.

Als überzeugte Europäerin wünsche ich mir, dass er mit diesem Gedicht niemals Recht behalten möge!


Bild rechts:
Heinrich Heine
 (Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim, 1831,
Kunsthalle Hamburg) 

 

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 03.07.20

Starten – oder doch nicht starten? So haben wir uns wochenlang gefragt, denn das Projekt „Kirche unterwegs“ war, wie alles in diesen Wochen, durch Corona bedroht.

„Kirche unterwegs“ – das sind zahlreiche Projekte in ganz Deutschland, in denen Kirche neu gedacht wird. In unserem Kirchenkreis ist „Kirche unterwegs“ auf dem Zeltplatz II an der Bever zu finden. Wir sind dort Dauer-Camper, haben einen Wohnwagen aufgestellt und jetzt in den Ferien auch Zelte. Sechs Wochen lang sind fünf Mitarbeiterinnen im Einsatz, um Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ein paar schöne Erlebnisse zu schenken. Spiele und Aktionen, Geschichten, Bastelideen, Singen, Schwimmen. Aber auch offene Ohren für Gespräche, die sich nur ergeben, wenn man Zeit hat, Interesse an den Lebensgeschichten anderer Menschen und Offenheit für einen ehrlichen Austausch. Gespräche über Gott und die Welt und keine fertigen Lösungen, gemeinsam Glauben entdecken, statt starrer Glaubensdogmen. Heute Abend geht es los – eingeladen ist jeder, der Lust hat zu kommen. Natürlich in erster Linie alle Urlauber auf den Zeltplätzen, aber es ist immer noch Platz für diejenigen, die einfach so vorbeikommen wollen. Wir freuen uns auf euch! Wer nähere Infos möchte – einfach bei mir anrufen oder eine Mail schreiben 😊

 

 

 

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 02.07.2020

Neulich so geschehen in einer Zoom-Vorlesung an der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal: ein Zoom-Bombing. Bisher hatte man ja höchstens mal davon gehört, dass es Leute gäbe, die Zoom- oder andere Online-Veranstaltungen hacken, weil die Meeting-IDs leicht zu erraten sind, und sich dann massiv störend in eine Veranstaltung einschalten. Aber auch das ist Realität, wie sich nun gezeigt hat.

Und ich frage mich, was eigentlich Menschen dazu veranlasst, solche Dinge zu tun. Einfach zu stören oder zu zerstören oder Menschen anzugreifen – scheinbar ohne Grund. In den letzten Wochen kam all das vor und wir nehmen das kopfschüttelnd wahr. Solche Angriffe aus dem Nichts machen hilflos, weil man ihnen nichts entgegensetzen kann. Aber wir können jeden Versuch unterstützen, den wir in unserem persönlichen Umfeld wahrnehmen, wenn solche Angriffe geschehen – im Kleinen, vielleicht „nur“ verbal. Im Hebräerbrief im Neuen Testament gab es dazu schonmal einen Aufruf: „Wir wollen uns umeinander kümmern und uns gegenseitig zur Liebe und zu guten Taten anspornen.“ (Hebräer 10,24)

Klingt doch nach einem guten Plan 😉

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 01.07.20

Viele Leute lesen jeden Tag die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine. Auch über einem Jahr steht jeweils eine solche Losung. Dass aber auch die Monate eigene Losungen haben, wissen viele nicht. Bei dem Wort „Losung“ muss ich immer an die andere Bedeutung denken: eine Losung ist auch ein Wahlspruch, etwas, wonach man sich richten kann. In diesem Sinne steht über dem Ferienmonat Juli ein Vers aus der Elia-Geschichte, der gut zu den Ferien passt, finde ich: „Der Engel des Herrn rührte Elia an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.“ (1. Könige 19,7) Elia ist erschöpft und ausgelaugt. Schlimme Dinge hat er getan, dafür wird er nun verfolgt. Der Weg zum Frieden ist weit. Und dann, ganz unvermittelt und unerwartet, gibt es einen Motivationsschub. Keine Strafpredigt, denn Elia weiß längst um seine Schuld und leidet darunter. Was er jetzt braucht, ist neue Kraft und Stärkung für den Weg, den er wieder aufnehmen muss. Und er lernt etwas dabei: was ihn stark macht, das sind nicht die Waffen, sondern das Eingestehen von Schuld und das Übernehmen von Verantwortung und das Aussteigen aus der Gewaltspirale. 

Für uns in der Ferienzeit vielleicht ein Weckruf: mit sich ins Reine kommen, sich trennen von dem, was belastet und nichts bringt und wieder das eigene Leben in die Hand nehmen, um es – trotz Corona – wieder zum eigenen Leben zu machen.

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 30.06.20

Lockdown im Kreis Gütersloh und die fragile Freiheit dieses Sommers – ich frage mich, ob wir nicht, statt auf Lockerungen zu drängeln, lieber alle ein wenig länger im Shutdown hätten aushalten sollen. Die Folgen für die Wirtschaft sind katastrophal, aber sie würden noch katastrophaler ausfallen, wenn es nicht mehr nur um einen Landkreis geht, der wieder herunterfahren muss.

Ich würde auch lieber ein schönes Urlaubsziel auswählen und ein paar Tage lang alles vergessen, den Duft des Meeres in der Nase oder die fernen Berge im Blick. Aber das ist nicht die einzige Form von Freiheit. Freiheit ist es auch, wenn ich wählen kann. Wenn ich mich bewusst entscheide, weiter vorsichtig zu sein, noch nicht wieder alles in Anspruch zu nehmen, was erlaubt ist, sondern abzuwarten und mich und andere dadurch zu schützen. Viele denken so, das ist zumindest mein Eindruck. Wir könnten eine starke Gesellschaft sein, die das aushält und daran wächst. Vielleicht gelingt es ja noch – sogar ganz ohne, dass uns jemand vorschreiben muss, wie wir uns zu verhalten haben.

 

„Was Pfarrer gerade so machen“
 
von Pfarrerin Annette Cersovsky, 28.06.20
„Der Glaube versetzt Berge“ – das wird gerne mal in den Raum geworfen, wenn einer ehrlich interessiert nachfragt, was der Glaube denn eigentlich sei oder was er im Leben ausmacht. „Der Glaube versetzt Berge“ – aber er heilt nicht das kranke Kind auf der Intensivstation oder befriedet die Kriegsgebiete in der Welt. Der Glaube schützt nicht vor Angst und Trauer und auch nicht vor dem Tod.
Im Hebräerbrief steht eine Definition von „Glaube“: Der Glaube ist die Gestalt dessen, worauf man hofft. Er liefert den Beweis der Wirklichkeit, die nicht sichtbar ist. (Hebräer 11,1) Glaube ist also das, was selbstverantwortliche Menschen für nicht angemessen halten müssen. Eine Flucht vor der Wirklichkeit, sagen manche, und ein Abtauchen in schöne Zukunftsbilder.
Man könnte aber auch anders argumentieren: wer glaubt, sieht, erlebt und durchlebt genau das, was alle anderen auch sehen, erleben und erleiden. Aber wer glaubt, hat einen anderen Blick auf all diese Dinge. Wer glaubt, hält nicht alles Schöne im Leben für Zufall und alles Schlimme für Strafe oder Schicksal. Wer glaubt, hat einen Adressaten für Freude und Kummer und auch für den Zweifel, weiß sich getragen, wenn nichts sonst mehr hilft. Der Glaube ist Perspektivwechsel; weg von mir selbst und hin auf einen großen Zusammenhang.
 


„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 27.06.20

Besorgt sahen letztes Wochenende viele nach Stuttgart. Scheinbar unpolitisch und ohne Motiv gingen zahlreiche junge Leute auf Polizisten los. Die Frage nach den Gründen konnte keiner beantworten. Es sei die Partyszene gewesen, hieß es. Aber wer ist das? „Die Partyszene“? 

Es fällt auf, dass gerade an vielen Orten die Schranken dessen fallen, was common sense in einer Gesellschaft sein sollte: Gewaltlosigkeit, die Bereitschaft aufeinander zu hören, einander zu helfen und auch zu akzeptieren, dass es Grenzen gibt, die in einer Gesellschaft zum Wohl aller nicht überschritten werden dürfen. Woher kommt dieses Gefühl, gegen alle Regeln verstoßen zu müssen? Und was wäre die Alternative zu einem Staat, wie dem unsrigen? Wir können für unsere Rechte Rechtsmittel einlegen. Wir können politisch Einfluss nehmen. Wir können überall und zu jederzeit unsere Meinung sagen. Aber tun wir das alle? Engagieren wir uns genug für eine freie Gesellschaft? Und sagen wir klar genug, wann es genug ist? Mein Eindruck: wir haben selbst Angst, dass jemand über uns herfällt, wenn wir beispielsweise in der S7 jemanden bitten, die Füße vom Sitz zu nehmen. Aber die Angst müssten wir nicht haben, wenn wir die Mehrheit wären😉

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 26.06.20

Verfolgt Ihr auch, wie es mit Tönnies weitergeht? Abend für Abend schaut man die Nachrichten und denkt, es könnte nicht schlimmer werden, und dann taucht ein neues Detail auf.

Aber mal ehrlich: eigentlich war doch bekannt, dass die Fleischpreise nicht auf so einem niedrigen Niveau sein können, wenn die Produktion sauber und die Belegschaft ordentlich bezahlt und untergebracht würde. Das gleiche Thema hatten wir doch schon vor Jahren mit den Shirts für ein paar Euro. Globalisierung ist super, wenn es bedeutet, dass wir überall auf der Welt reisen, studieren, investieren und handeln können. Aber Globalisierung heißt dann auch, dass alles mit allem zusammenhängt. Ein günstiges Shirt in Remscheid bedeutet niedrige Löhne für die Näherin in Bangladesch. Ein günstiger Fleischpreis bei unseren Discountern bedeutet, dass die Arbeiter in schlechten Unterkünften leben und wenig Lohn bekommen. Und dass sie das alles in Kauf nehmen, weil es in ihren Heimatländern noch schlechter aussieht. Wir sind eine Welt! Und tragen Verantwortung für die eine Welt. Alle! 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 25.06.20

Habe gestern Abend bei den Tagesthemen ein neues Wort gelernt: social distancing shaming.

Es ging um die Urlauber aus dem Kreis Gütersloh, die auf Usedom Ferien machten und dann aufgefordert wurden abzureisen. Begründung: von ihnen ginge Gefahr aus, sie kämen aus einer Hochrisikoregion und man müsse sich schützen. Im Seebad Ahlbeck wurden andere Urlauber, die das Glück hatten, woanders zu wohnen, befragt. Wie sie das fänden, was da mit den Menschen aus Gütersloh passiert sei, wollte ein Journalist wissen. Antwort: Richtig so! Wer eine Gefahr für andere darstellt, muss ausgewiesen werden. Die sollen dahin zurückkehren, wo sie hergekommen sind! Fällt euch was auf? Die Wortwahl und die Nachdrücklichkeit, mit der die Worte ausgesprochen wurden, erinnern doch sehr daran, wie immer wieder mit „den anderen“ umgegangen wird. Fühlt sich nur gar nicht gut an, wenn man plötzlich selbst „der andere“ ist. Für den Lerneffekt ein wichtiger Schritt. Für den Zusammenhalt in unserem Land (und für den Tourismus) ist das gar nicht gut.

Ich habe noch keinen Urlaub geplant, aber die Lust dazu vergeht mir auch gerade. Wer weiß, ob dann nicht die bergische Region vom Shaming der „guten Bürger“ betroffen ist. Wohlgemerkt nicht, weil ein Beratungsresistenter mit einer bestätigten Covid 19 Diagnose in Urlaub gefahren wäre, sondern wegen seiner Postleitzahl. 

Einen Tipp aus Ahlbeck gab es auch noch: man dürfe ja kommen, aber nur, wenn man einen maximal 48 Stunden alten Corona-Test nachweisen könne. Getestet wird aber nur bei Symptomen, bei Kontakt mit Infizierten und in bestimmten Berufsgruppen, nicht weil man Urlaub auf Usedom machen möchte. SO stärken wir den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft wohl eher nicht! Wir und die anderen – das ist schonmal der erste Fehler, finde ich!!!

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 24.06.20

Heute ist einer der in Vergessenheit geratenen Gedenktage der Kirche. Rhabarberliebhaber kennen den Johannistag als den letzten Tag, an dem man Rhabarber unbedenklich essen kann. Aber eigentlich wird am Johannistag an Johannes den Täufer erinnert. Mit Jesus war er verwandt, optisch muss er wohl gewöhnungsbedürftig gewesen sein und auch im Hinblick auf seine Essensvorlieben. Aber bekannt geworden ist er als derjenige, der sehr früh zur Umkehr aufgerufen hat. Er hat den Finger in die Wunden seiner Zeit gelegt, Lüge, Neid, Hass und Rücksichtslosigkeit aufgedeckt und dafür geworben, diesem Leben den Rücken zu kehren und neu zu beginnen. Als Zeichen dieses Neubeginns wurden die Menschen, die dazu bereit waren, im Jordan kurz untergetaucht. Bis heute ist die Taufe das Symbol für den Neubeginn und den Start in ein Leben in den Spuren, die Jesus gelegt hat. Heute nehmen wir nur eine Handvoll Wasser zum Taufen, aber die Idee dahinter ist dieselbe: das Wasser wäscht symbolisch ab, was uns von Gott trennen könnte und den Getauften wird zugesprochen, dass sie zu Gott gehören und geliebt sind, ganz ohne Vorleistung oder Vorbedingung. Johannes wurde getötet für seine mutigen Worte. Er kam den Mächtigen seiner Zeit in die Quere. Darauf müssen wir aufpassen, dass kritische Stimmen bei uns immer Gehör finden.

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 23.06.2020

Meine liebe Kollegin hat eine neue App. Sie ist naturbegeistert, beobachtet gerne Tiere, fotografiert und hört den Vögeln zu. Im Gegensatz zu mir kann sie Vogelstimmen unterscheiden und manche auch zuordnen. Aber eben nicht alle. Die neue App kann das. Man nimmt das Gezwitscher auf und die App sagt dann zum Beispiel: Buchfink! Genial 😉

Ich habe keine Ahnung von Vogelstimmen, aber seit sie mir die App gezeigt hat, höre ich aufmerksamer hin. Und tatsächlich, auch ich lerne zu unterscheiden – und bin überrascht, wie wenig ähnlich sich das Gezwitscher ist. Wie bei Menschen auch hat jeder Vogel seine eigene Stimme und eine eigene Melodie.

Das ist also gemeint, wenn es in Psalm 104 heißt: „Wie zahlreich sind deine Werke, Herr. In Weisheit hast du sie alle gemacht. Die Erde ist voll von deinen Gütern.“ (Ps 104,24)

Und wir haben sie wohl längst noch nicht alle entdeckt 😊

 

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 22.06.20

Kennt Ihr noch „Lukas, der Lokomotivführer“? Da kommt eine Figur vor, die mir gelegentlich auch schonmal begegnet ist: ein Scheinriese. Der Scheinriese sieht, wie der Name schon sagt, riesig aus, bedrohlich, angsteinflößend. Aber wenn man sich ihm nähert, wird er immer kleiner, bis er nur noch ein armer und unglücklicher Mann in Normalgröße mit Normalproblemen ist. So ist es manchmal mit Problemen. Sie erscheinen wie ein riesiger Berg. Und je weiter wir sie wegschieben, umso mehr Raum nehmen sie ein. Aber gleichzeitig engen sie uns damit auch ein. Sich dem Problem zu stellen, hilft manchmal, es wieder auf handlichere Größe zu schrumpfen. „The fears you don’t face, become your limits.“ Manchmal sind bei Whats App verschickte Sprüche auch ganz einleuchtend😉

„Was Pfarrer gerade so machen“
 
von Pfarrerin Annette Cersovsky, 21.06.2020
Von dem Publizisten und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel stammt folgender Ausspruch: „Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit.“ Das wirkt auf den ersten Blick fragwürdig, weil Gleichgültigkeit so viel weniger schlimm erscheint als Hass. Aber im Blick auf die Entwicklungen in den USA müssen wir uns die Frage stellen, ob nicht gerade die lange Phase der Gleichgültigkeit gegenüber dem versteckten (oder auch offenen) Rassismus in Teilen der Gesellschaft den Hass beförderte, der jetzt zutage tritt.
Elie Wiesel war 1928 als Sohn einer jüdischen Familie in Rumänien zur Welt gekommen. In seiner Romantrilogie „Elischa“ erzählt er, wie die Gleichgültigkeit der Gesellschaft dazu führte, dass der Mord an den Juden gesellschaftsfähig werden konnte. Elie Wiesel überlebte Auschwitz und Buchenwald und wurde am 11.April 1945 von amerikanischen Soldaten befreit. Diesen Tag beschreibt er in seinem Buch mit dem sogenannten Spiegelerlebnis. Am Tag der Befreiung konnte er das erste Mal wieder sich selbst im Spiegel anschauen und schrieb dazu: „Aus dem Spiegel blickte mich ein Leichnam an. Sein Blick verlässt mich nicht mehr.“ Zeitlebens setzte sich Elie Wiesel für die Aufarbeitung des Holocaust ein und wurde zu einem Mahner gegen Gleichgültigkeit. 
Wir dürfen auf keinen Fall Gefahr laufen, diese Gleichgültigkeit in unserem eigenen Land gegenüber Rassismus und Antisemitismus so lange zu ignorieren, bis sie wieder mehrheitsfähig ist!
 


„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 20.06.2020

Corona-Warn-App! Seit kurzem in den App-Stores verfügbar und heftig umstritten, ob sie etwas bringt, ob sie sicher ist, ob man sich auf die Anonymität verlassen kann u.v.m.

Ich habe keine Antworten auf diese Fragen. Wahrscheinlich kommt es auf einen Versuch an, wie immer, wenn etwas ganz neu auf den Markt kommt.

Aber ein Contra-Argument erscheint mir doch wenig sinnvoll: die Corona-App beschränke unsere Freiheit, war da in einem Kommentar zu lesen. Eine Gesellschaft, die sich freiwillig auf Facebook, Instagram, Twitter oder TikTok vernetzt, die auf Jodel schaut, was andere in der Stadt so machen, die in Online Games abhängt und zweite Leben lebt, hat für sich doch schon einer gewissen Offenheit und Transparenz zugestimmt. Bei allen sozialen Medien sind wir frei, sie zu nutzen und wir sind frei, selbst zu bestimmen, welche Inhalte, Infos und Fotos wir allgemein zugänglich machen. Die Sicherheitsstandards können die meisten von uns nicht überprüfen. Wir vertrauen einfach, dass es schon gut gehen wird, wenn wir uns für die Vernetzung im digitalen Raum entscheiden. Das gilt dann doch wohl auch für die Corona-App. Es bleibt die Frage, was denn eigentlich genau unsere Freiheit dabei beschränkt. Wir sind frei zu entscheiden und leben in einem Land, in dem wir das ohne Konsequenzen tun können. Ist es nicht viel eher so, dass wir uns in der Vielfalt der Möglichkeiten verstricken? Freiheit braucht auch Orientierung und Vertrauen. Nur wer sich an etwas orientiert, kann eine Entscheidung treffen. Im Fall der Corona-App ist es doch einen Versuch wert, andere zu schützen.

 

„Was Pfarrer gerade so machen“
 
von Pfarrerin Annette Cersovsky, 19.06.2020
Corona ist vorbei? So sagen viele, aber vermutlich stimmt das nicht, denn sonst würden wir ohne Masken einkaufen, auf Festivals gehen, Partys mit vielen Freunden organisieren und uns zur Begrüßung in den Arm nehmen. Wir haben uns gewöhnt an das Ungewöhnliche und gelernt, damit zu leben. Die Sorge bleibt. Vielleicht die Zeit für ein solches Gebet:
Wenn wir keinen Ausweg mehr sehen, sprich Du Worte, die ermutigen.
Wenn wir durch schwierige Umstände gebunden sind, sprich du Worte, die befreien.
Wenn wir aufbrechen wollen, aber der Mut zu klein ist, sprich Du Worte, die beflügeln.
(aus: Losungen für junge Leute, Hg.. E. Heckmeier)
 


„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 18.06.20

Als ich ganz neu in Remscheid war, konnte ich mir überhaupt nicht erklären, wieso so unglaublich viele Menschen von der „See-Stadt“ sprachen. Ich bedauere nämlich sehr, dass Remscheid gerade nicht an der See liegt. Inzwischen weiß ich, wo der Begriff herkommt. Er geht ja auch noch weiter „Seestadt auf dem Berge“. Das macht es in Kombination mit der Geschichte der Stadt etwas klarer.

In diesen Tagen wird darüber diskutiert, ob unsere „Seestadt“ auch einen Hafen bekommt. 

Dahinter steht die Idee der Initiative „Seebrücke“, bei der sich Städte zu sicheren Häfen erklären können. Remscheid hat zur Zeit Aufnahmekapazitäten für solche Flüchtlinge, die im Augenblick in überfüllten Camps v.a. in Griechenland festsitzen. Dort herrschen sehr schwierige hygienische Zustände, die Versorgung mit sauberem Wasser und ärztlicher Hilfe ist nicht immer gewährleistet und die Camps sind absolut überfüllt.

Es ist ein Zeichen europäischer Solidarität, dass wir über Corona nicht diejenigen vergessen, für die Hände waschen und desinfizieren nicht ein lästiger Alltagsusus ist, sondern schlichtweg unmöglich, weil es an allem fehlt, auch an Perspektiven und Hoffnung.

Es wird sicher jede Menge Argumente gegen diese Aktion geben. Aber aus meiner Sicht tun wir gut daran, uns an das zu halten, was Jesus seinen Zeitgenossen immer wieder ans Herz gelegt hat: Genau so, wie ihr behandelt werden wollt, behandelt auch die anderen!“ (Matthäus 7,12) Eigentlich logisch, oder?

Wer sich informieren möchte: https://seebruecke.org und Bündnis „Städte Sichere Häfen“

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

Von Pfarrerin Annette Cersovsky, 17.06.2020

Der Sonntag Trinitatis war Anfang Juni. Trinitatis – eine Woche nach Pfingsten werden wir erinnert, dass Gott in dreierlei Gestalt Menschen begegnet. Als Schöpfergott, weit weg und zu groß, um ihn zu begreifen. Als Bruder in Jesus Christus, der den fernen Gott ganz nah gebracht hat und durch sein Handeln gezeigt hat, wie Gott ist. Und als Kraft in uns selbst, als Geist Gottes, die manchmal geschenkt wird, nicht fassbar und nicht verfügbar, aber dennoch da.

Gott ist nur einer, aber er kann uns unterschiedlich begegnen.

Ganz schön kompliziert! Leider ist mir erst jetzt eingefallen, dass es ein schönes, einfaches Beispiel gibt, die Trinität zu erklären. Das Beispiel stammt aus dem 5. Jahrhundert, der Erfinder wird bis heute am 17. März gefeiert. St. Patrick, der erste Missionar Irlands, nahm der Legende nach ein Kleeblatt als Beispiel. Er soll gesagt haben, dass es mit der Trinität sei, wie bei einem Kleeblatt. Das habe drei Blätter und bilde dennoch eine Einheit. Die vielen Dreipass-Ornamente in unserer Pauluskirche erinnern an diese Symbolik. Wenn die Predigt mal langweilig sein sollte, kann man die Dreipass-Ornamente zählen: es sind Hunderte 😉

„Was Pfarrer gerade so machen“
 
von Pfarrerin Annette Cersovsky, 16.06.2020
Mit Sorge blicken gerade viele in die USA. Das Land, das für Fortschritt, Innovation und unbegrenzte Möglichkeiten stand, droht im Chaos zu versinken: die Gesellschaft gespalten, die politische Führung entweder hilflos oder mit eigenen Interessen befasst, zunehmend abgeschottet durch Aufkündigen wichtiger Bündnisse.
Aber bevor wir uns zurücklehnen und froh darüber sind, dass wir Europäer sein dürfen, täte uns ein Blick in die eigene Gesellschaft gut. Auch in weltoffenen Großstädten trennen wir uns in „wir“ und „die anderen“. „Die anderen“, das sind die, mit denen die eigenen Kinder nicht die Schule besuchen sollen, die wir nicht als Nachbarn wollen, die immer so arrogant gucken, die sich für besser halten oder Dschungelcamp gucken, vegan essen, Campingurlaub machen oder was auch immer. Es ist völlig egal, worum es geht, es wird nicht mehr auf der Sachebene diskutiert, ob beispielsweise vegan leben sinnvoll sein könnte oder warum jemand Dschungelcamp guckt. Es wird wahrgenommen und geurteilt und in eine Schublade gepackt. Der Soziologe Henri Tajfel erforschte schon in den 60er Jahren, dass Menschen eher geneigt sind, innerhalb der eigenen sozialen Gruppe zu helfen als außerhalb.
What would Jesus do? Unter diesem Motto fragen sich gelegentlich Menschen, was denn eigentlich ein christliches Menschenbild in einer gesellschaftlichen Frage als Antwort hätte. Was würde Jesus tun? Die Geschichten, die über ihn erzählt werden, lassen keinen Zweifel zu: er hatte mit Menschen aller sozialen Schichten Kontakt. Ihn hat nicht gestört, wenn andere das unmöglich fanden. Aber er war auch nicht mit jedem eng befreundet. Nur jedem gegenüber respektvoll und interessiert.


 

„Was Pfarrer gerade so machen“ 

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 15.06.2020 

Eine meiner Lieblingsmethoden für Bibelarbeit ist der Bibliolog. Ein biblischer Text wird eingeführt, Personen und Setting bekannt gemacht, und dann werden die Teilnehmenden eingeladen, sich in eine dieser Personen hineinzuversetzen und als diese Personen auf Fragen zu antworten. Dabei geht es nicht um „richtige“ Antworten, also die, die im Text vielleicht vorkommen könnten. Es geht um die eigene Sicht. Beispiel Predigttext gestern: in der Apostelgeschichte wird im 4. Kapitel erzählt, dass die ersten Gemeinden alles, was sie an Gütern und Geld besaßen, untereinander geteilt haben. 

Ein Bibliolog zu dieser Geschichte könnte nun so aussehen: Du bist Simon und hast gerade erfahren, dass du als Mitglied deiner Gemeinde all dein Geld mit den anderen teilen solltest. Simon, wie fühlt sich das für dich an? Ist das gerecht? 

Manchmal ist es erstaunlich, welche Antworten bei einem solchen Spiel am Ende herauskommen. 

Bibliolog geht vermutlich auch per Zoom. Wer hat Lust auf einen Versuch? 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 14.06.2020

Diese Woche gab es einen Besuchsdienst-Workshop. In einem Zoom-Meeting tauschten sich 40 Hauptamtliche aus der ganzen Landeskirche miteinander aus. Besuchsdienst in Corona-Zeiten hat sich natürlich verändert. Überall werden Gratulationen schriftlich oder telefonisch übermittelt. Persönliche Gespräche finden an geöffneten Fenstern, vor Balkonen oder im Hausflur statt. Ein Lock-Down für die persönliche Beziehung, aber auch eine Chance, anders wieder aus dem Lock-Down herauszukommen. Viele Kolleg*innen berichteten von denselben Phänomenen. Trotz der Schwierigkeiten beim Kontakthalten ohne Kontakt kamen erstaunlich viele Kontakte zustande. Auch ganz neue Kontakte, überraschend und erfrischend. Im persönlichen Briefwechsel oder am Telefon ließ es sich wohl manchmal leichter reden, als anlässlich des 85. Geburtstages, wenn die Nachbarn mit auf dem Sofa sitzen. Besuchsdienst wird sich verändern. Wir können schon jetzt nicht mehr alle Senior*innen persönlich zum Geburtstag besuchen, obwohl wir zu den wenigen glücklichen Gemeinden gehören, die noch einen funktionsfähigen Besuchsdienstkreis haben. Aber wir wollen unbedingt die Menschen erreichen, die sich über unseren Besuch freuen, die etwas mitteilen möchten oder einfach mal nur wieder Besuch bekommen wollen, weil sonst nie jemand kommt. Wenn das dann am Ende doch ganz viele Menschen sind, dann brauchen wir mehr Engagierte, die Besuche machen möchten. Wäre das nichts für Euch? Wir bieten Schulungen und Begleitung an und einen sehr netten Besuchsdienstkreis 😊

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 13.06.2020

Auf Facebook tauchte vor ein paar Tagen ein neues Spruchfoto auf. „Die Arbeit läuft nicht davon, wenn du einem Kind den Regenbogen zeigst. Aber der Regenbogen wartet nicht, bis du deine Arbeit beendet hast.“

Kinder sehen die Welt mit anderen Augen und es ist wunderbar, von ihnen zu lernen, auf die Dinge neu zu achten. Jeden Regenbogen wie ein Wunder und jeden Käfer wie ein Geschenk anzuschauen und zu staunen über die Vielfalt der Welt.

Und ich frage mich, wie oft wir bei unserer Arbeit in der Gemeinde das Staunen und Wundern zurückstellen, weil wir so viel anderes zu tun haben. Wie oft mag Gott uns schon ein Wundergeschenk in den Weg gestellt haben, das wir wegen einer wichtigen Sitzung achtlos weggeschoben haben? Achtsamkeit mal ganz anders 😊

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 14.06.2020

So langsam fühlen sich ein paar Dinge schon wieder ganz gut an. Wir haben unsere Kinder mal wieder gesehen – ohne Laptop dazwischen.  Eine Fahrradtour ist gemacht und etwas anderes als Lebensmittel haben wir auch wieder eingekauft. An die Masken haben wir uns widerwillig gewöhnt, Desinfektionsmittel, Nudeln und Toilettenpapier sind wieder zu haben.

Gottesdienste sind auch wieder zu haben. Bei uns allerdings noch nicht. Irgendwie unwürdig, wie da alle so vereinzelt sitzen, unkenntlich gemacht und in Angst vor Ansteckung, weil doch gerade Gottesdienste zuletzt zur Brutstätte von Superspreadern wurden. Also weiter mit digitalen Angeboten – geht ja auch noch eine Weile.

Aber eine Sache geht echt richtig schlecht: ich liebe es im Gottesdienst mit anderen gemeinsam zu singen. Und das können weder die Balkonmusik, noch der Vortragsgesang noch die gelesenen Liedstrophen zur Orgelbegleitung noch die liebevoll inszenierten Trostlieder im Internet ersetzen.

Ich möchte wieder singen! Im Chor oder der Gemeinde, mit Orgel- oder Klavierbegleitung.

Liebe Kirchenmusiker*innen: könntet ihr nicht ein Karaokeprogramm erfinden mit Lieblingskirchenliedern – alten und neuen – die wir dann zuhause losschmettern können? Das wäre doch sicher auch für die Stimmbildung wichtig, damit unser Gemeindegesang nicht einrostet😉

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 11.06.2020

Ab und zu leihe ich mir für Gebete oder Impulse oder Grußkarten Worte anderer. Es gibt einfach Formulierungen, die verlieren an Kraft, wenn man an ihnen herumbastelt.

So eine Formulierung hat, finde ich, die Autorin Tina Willms für ihr Buch über die Jahreslosung 2020 gefunden. Und sie spricht damit all diejenigen an, die sich ernsthaft mit ihrem Glauben auseinandersetzen und sich hinterfragen. Ihr Buchtitel zur Jahreslosung und den Monatssprüchen lautet: „Im Glauben: Zweifel. Im Zweifel: Glauben“. Ein Eingeständnis, dass zum Glauben der Zweifel gehört. Wie entlastend! Ich muss nicht immer überzeugt und mit gedachtem Heiligenschein durchs Leben schweben. Wenn mir das Leben Steine in den Weg wirft, dann darf ich auch an einem guten Hirten zweifeln. Wenn sich Probleme und Sorgen auftürmen, dann ist es okay, wenn mir kein Loblied mehr einfällt.

Aber umgekehrt gilt es auch: Wenn ich hadere mit den Steinen, die den Weg versperren, wenn ich Gott sage, wie ich gerade drauf bin und dass er mir sehr weit weg zu sein scheint, dann ist auch das Glauben.

Ambivalenzen sind schwer auszuhalten. Aber oberflächliche Trostworte wie „Gott hat dich trotzdem lieb“ sind in einer echten Krise noch viel schwerer auszuhalten.

 

 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 10.06.2020

Meine liebe Schwägerin erzählte mir von einem Spruch, den ihr jemand geschickt hatte (leider konnten wir den Urheber nicht herausfinden). Wir hatten uns über Politik unterhalten, über Verschwörungstheorien und die Stimmung in der Bevölkerung. Dabei fiel ihr dieser Spruch ein: „Der Kluge sucht nach Lösungen, der Dumme nur nach Schuldigen.“ Nun lässt sich dieser Satz auf ziemlich viel anwenden. Aber statt auf andere zu schauen, wäre es wichtig, dass wir bei uns bleiben und selbst lieber die Lösungen suchen. Bin gespannt, worauf das heute passen könnte😉

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 09.06.2020

Kennt Ihr die Eifel-Krimis von Jaques Berndorf? Habe gerade das Hörbuch „Eifel-Gold“ zu Ende gehört und war total überrascht über die letzte Wendung (ich muss jetzt mal spoilern 😉).

Auf völlig unauffällige Weise und ohne Tote und Verletzte wird ein Geldtransporter überfallen und mit 18 Millionen geklaut. Bundeskriminalamt, Lokalpolizei, Privatermittler, Politiker, Journalisten und viele Dorfbewohner suchen nach Geld, Transporter und Tätern, allerdings erfolglos. Am Ende wird die Tat dem organisierten Verbrechen in die Schuhe geschoben.

Der Leser/Hörer erfährt aber die Geschichte hinter der Geschichte. Die Täter gab es durchaus, drei Eifelbauern, die sich um ihre Heimat sorgen und unter den Restriktionen für die Landwirtschaft leiden, die in den 90er Jahren aktuell waren. Dass sie nicht entdeckt wurden, lag an einem kleinen, aber überraschenden Detail: sie nahmen das Geld nicht für sich, sondern bewahrten es auf und verschenkten es nach und nach anonym an Projekte, die ihnen am Herzen lagen. Da war eine Baumaßnahme für einen Kindergarten dabei, ein Landwirt mit kaputtem Mähdrescher, ein Krankenpflegeprogramm u.s.w.

Natürlich rechtfertigt die gute Tat immer noch nicht das Klauen fremden Geldes, aber die feinsinnig erzählte Geschichte zeigt, dass wir manchmal das Böse, das Ungerechte, das moralisch Falsche für das Normale halten.

Wie schön wäre es, wenn wir alle miteinander wieder lernen könnten, dass das Gute normal ist, das, was anderen hilft und allen ein gutes Leben ermöglicht.

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 08.06.2020

Es gibt Worte, die bei Facebook und Co. geteilt werden, die muss man kommentieren und ihnen etwas entgegensetzen. Es gibt aber auch Worte, denen muss man nichts hinzufügen.

 

Je reicher wir geworden sind,

desto mehr sind wir moralisch 

und geistig verarmt.

 

Wir haben gelernt,

wie die Vögel zu fliegen und

wie die Fische zu schwimmen.

 

Aber die einfache Kunst,

wie Geschwister zusammenzuleben,

haben wir noch nicht erlernt.

 

(Martin Luther King)

 
Foto:
Martin Luther King.  Bild:  Hugo van Gelderen / Anefo (gemeinfrei - Wikimedia Commons)

 

„Was Pfarrer gerade so machen“ 

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 07.06.2020 

Ich bin jetzt nicht so der Mathe-Freak, aber ein bisschen was habe ich doch verstanden. Zum Beispiel, dass eine Länge von 1,50 m bei mir genauso lang ist wie bei einem anderen Menschen. Dachte ich zumindest immer. Aber ganz offensichtlich stimmt das überhaupt nicht. Meine 1,50 m sind nämlich länger als die vieler anderer Menschen im Supermarkt, im Gartencenter oder bei der Post. 

Es wird schon wieder rücksichtslos gedrängelt und geschoben. Corona ist doch weg und die Maske hält ab, falls doch noch ein vorwitziges Aerosol herumtoben sollte. 

Nun war Mathe nicht so mein Ding, aber lesen kann ich ziemlich gut. Auch die Veröffentlichungen der Virologen und die sind da ganz anderer Meinung. Da ich weniger Ahnung von Viren habe als die, bin ich bereit, deren Vorsichtsmaßnahmen erstmal zu folgen. Und die lauten: Mindestabstand von 1,50 m. Und zwar die 1,50 m, die auf dem Maßband stehen, nicht die gefühlten 1,50 m. 

Neulich kam ich am Spielplatz vorbei. Ein Kind war schon auf dem Klettergerüst, ein anderes wollte gerade hinaufklettern. Das Kind oben rief: „Ey, bist du doof? Du musst Abstand halten“. Die Kinder waren höchstens 8, hatten aber alles verstanden (an „ey, bist du doof“ kann man ja noch arbeiten 😉). 

Und wer will schon doof sein? 

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

Von Pfarrerin Annette Cersovsky, 06.06.2020

Über Geld denken wir ganz schön oft nach. Ist ja auch logisch, denn Geld brauchen wir alle: Privat für den täglichen Bedarf, aber auch für Wohnung, Versicherungen, Medikamente, Hobbys, Ausbildung und vieles mehr. Von dem Geld, das wir anderen bezahlen, leben die anderen. Wenn das Geld knapp wird in Zeiten von Wirtschaftskrisen oder weil man arbeitslos geworden ist oder weil irgendwelche Lebensumstände einen in eine prekäre Situation gebracht haben, dann ist Geld manchmal ein so bestimmendes Thema, dass nichts anderes daneben Platz hat. Über Geld nicht zu sprechen, kann sich in der Regel nur der leisten, der genug davon hat.

Einen interessanten neuen Blickwinkel auf das Geld habe ich kürzlich bei Benjamin Franklin gefunden. Der war Politiker in den USA im 18. Jahrhundert und stellte sich die Frage, welchen Stellenwert man dem Geld zumisst. Wahrscheinlich hatte er eine sehr konkrete politische Situation vor Augen, als er folgenden Satz sagte: „Wer der Meinung ist, dass man für Geld alles haben kann, gerät leicht in den Verdacht, dass er für Geld alles zu tun bereit ist.“ Wir wissen alle, dass man ohne Geld schlecht klarkommt. Aber wir wissen ja auch alle, dass Geld alleine tatsächlich nicht auf Dauer glücklich macht. Wir brauchen wohl einen guten Umgang mit dem Geld, mit unserem eigenen, aber auch als Kommune, als Bundesland, als Staat, damit wir nicht maßlos werden, uns nicht von falschen Versprechen kaufen lassen und die nicht aus dem Blick verlieren, die es sich nicht leisten können, über Geld nicht zu sprechen.

„Was Pfarrer gerade so machen“

 

von Pfarrerin Annette Cersovsky, 05.06.2020

„Pfarrer bestimmen immer alles in der Gemeinde“ – habt Ihr das auch schonmal gedacht?

Falls Ihr das mal so erlebt habt, ist das sehr schade. Denn eigentlich war das mal ganz anders gedacht. Paulus hat im 12. Kapitel des Korintherbriefs darüber geschrieben, wie er sich Gemeinde vorstellt: wie einen Körper, bei dem alles miteinander zusammenhängt und wo alles gebraucht wird, nichts unwichtig ist.

Die Gestalt unserer Gemeinden soll das abbilden. Und deshalb darf eben nicht der Pfarrer bestimmen, wo es lang geht.

Heute tagt die Synode unseres Kirchenkreises. Synode – das ist die Versammlung der Beauftragten aller Gemeinden eines Kirchenkreises. Und die entscheiden gemeinsam per Abstimmung. Heute zum Beispiel wird eine neue Superintendentin oder ein neuer Superintendent gewählt. Aber es geht auch um Finanzen, Personal und Planungen für die Zukunft.

Wenn Ihr schonmal dachtet, dass die Beauftragten das nicht in Eurem Sinne machen, dann habe ich hier einen schönen Vorschlag. Beauftragter wird man nämlich so: man engagiert sich in seiner Kirchengemeinden für den Bereich, der einen interessiert (Kinder und Jugend, Gottesdienst, Finanzen, Öffentlichkeitsarbeit, Gebäude, Musik etc.). Dann lässt man sich fürs Presbyterium aufstellen. Das ist die Versammlung der Beauftragten einer Gemeinde. Die bestimmt dann aus ihrem Kreis die Beauftragten für die Kreissynode. Jede Gemeinde bespricht vor den Synoden, was sie zur Tagesordnung wichtig findet und die Beauftragten vertreten dann in der Versammlung ihre Gemeinde. Natürlich wird auch diskutiert, manchmal gestritten, aber meistens nach einer konstruktiven Lösung gesucht.

Na, Lust bekommen? Dann los! Ab Herbst 2023 gehen wir wieder auf Suche nach neuen Presbyteriumsmitgliedern. Also noch viel Zeit, um sich das durch den Kopf gehen zu lassen 😉